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Kunstdiebe haben einen schwierigen Job

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Kriminelle Kunstkenner, die sich privat an ihrer Raubkunst-Sammlung ergötzen, sind ein Klischee. In Wirklichkeit sind gestohlene Meisterwerke nur schwer zu verkaufen.

Den Mythos begründet hat wohl der erste Bond-Film: In «Dr. No» (1962) stösst der fiktive britische Geheimagent in der Residenz des Bösewichts auf ein gestohlenes Porträt des Herzogs von Wellington. Das berühmte Gemälde von Goya war im Jahr zuvor tatsächlich aus der National Gallery gestohlen worden.

Auch in «Man lebt nur zweimal» (1967) schmückt sich der Erzschurke Blofeld mit Meisterwerken der Kunstgeschichte, unter anderem der Darmstädter Madonna von Hans Holbein dem Jüngeren. Spätestens da entstand der Mythos des Superbösewichts, der sich weltberühmte Meisterwerke einzig zu seinem privaten Genuss zusammenstiehlt. Bemüht wird er immer dann, wenn wieder ein bekanntes Kunstwerk entwendet wird.

Aber es bleibt ein Mythos – in der Realität, so versichern Kunstkenner, gibt es das so gut wie nicht. Auch der spektakuläre Fall des betagten Kunstsammlers Cornelius Gurlitt, der in einer Münchner Wohnung 1.500 Gemälde hortete, dürfte nicht in diese Kategorie fallen. Noch seien zu wenig Einzelheiten bekannt, sagt der Kunstexperte Oliver Class, doch es sehe kaum so aus, als ob Gurlitt seinen Kunstschatz wirklich genossen hätte. Immerhin bunkerte er die Meisterwerke von Picasso, Matisse, Chagall und anderen in einer komplett vermüllten Wohnung. Lust an der Kunst sehe anders aus, stellt Class fest.

Meisterwerke im Ofen verbrannt

Lust an der Kunst dürfte auch selten eine Rolle spielen, wenn weltbekannte Kunstwerke gestohlen werden. Das Hauptproblem für Diebe solch berühmter Meisterwerke liegt freilich darin, dass sie auf dem legalen Kunstmarkt absolut unverkäuflich sind. Bei Auktionen haben Kunsträuber kaum Chancen, gestohlene Ware zu Geld zu machen, wie Kunstkenner Class sagt. Das Art-Loss-Register, die weltweit größte Datenbank verlorener und gestohlener Kunstwerke, verhindere dies. Nur wenig bessere Karten haben Kriminelle bei privaten Galerien.

Und auch auf dem schwarzen Markt dürften ihre Möglichkeiten eng begrenzt sein. Das mussten wohl auch die Diebe einsehen, die im Oktober 2012 sieben berühmte Gemälde aus der Rotterdamer Kunsthal stahlen. Die Kunstwerke von Picasso, Gauguin, Monet und anderen Grössen hatten einen Marktwert von 50 bis 100 Millionen Euro. Mindestens ein Teil der Beute wurde vermutlich von der Mutter eines der Diebe in einem Ofen verbrannt, weil sie Beweismittel beseitigen wollte.

Lösegeld für Gemälde

Warum werden also immer wieder Gemälde gestohlen, die sogar von Laien erkannt werden? Eine Möglichkeit für die Kunstdiebe ist das sogenannte «Artnapping», also der Versuch, für die entwendeten Kunstwerke Lösegeld herauszuholen. Experte Class, der für den Versicherer Allianz Suisse tätig ist, legt Wert auf die Feststellung, dass seine Firma nie Lösegeld bezahle, da man so dieser Art von Kriminalität nur Vorschub leiste. Class nennt einen weiteren Grund, warum nahezu unverkäufliche Kunstwerke gestohlen werden: «Manche Kriminelle denken ihre Tat nicht bis zum Ende durch. Sie überlegen sich, gerade bei einer sogenannten Impulstat, wie sie die Bilder stehlen können, aber nicht, welche Probleme der Verkauf aufwirft.» Dass sie dann oft mit allen Mitteln versuchten, die Diebesware zu veräussern, spiele den Ermittlern in die Hände.

Nicht immer sind es jedoch materielle Motive, von denen sich Kunstdiebe leiten lassen. So war es nicht Geldgier, die Vincenzo Peruggia beseelte, als er 1911 die Mona Lisa aus dem Louvre in Paris stahl. Das Motiv des italienischen Handwerkers war Patriotismus; er wollte die Mona Lisa nach Italien nach Hause bringen.

Ein notorischer Kunstdieb

Vielleicht kommt Stéphane Breitwieser dem Klischee des Kunstdiebs, der sich mit seiner Beute schmücken will, am nächsten. Der Franzose entwendete zwischen 1995 und 2001 nicht weniger als 239 Kunstwerke im Wert von rund 20 Millionen Euro. Der notorische Kunstdieb bekannte bei seiner Gerichtsverhandlung: «Ich geniesse Kunst. Ich liebe solche Kunstwerke. Ich sammelte sie und behielt sie zu Hause.» Der Kunstliebhaber versuchte Suizid zu begehen, als er erfuhr, dass seine Mutter die geraubten Kunstwerke nach seiner Verhaftung zerschnitten und weggeworfen hatte.

Kunstbesitzer Gurlitt, der seine gigantische Sammlung offenbar niemandem zeigte, ist wohl eine krasse Ausnahme. «Kunst hat immer auch mit Kommunikation zu tun», sagt Class. Wer Kunst sammle, wolle sie in der Regel auch zeigen: «Kunst im luftleeren Raum funktioniert nicht.»