1976 noch unter dem Namen The North London Invaders in London gegründet, setzt sich die Band heute noch fast ausschließlich aus den Mitgliedern zusammen, die 1979 bei der Umbenennung in Madness mit an Bord waren. Wie es zu dieser Beständigkeit im Line-up kommen konnte und warum es ihn so oft ans Meer zieht, das verrät der Sänger Graham „Suggs“ McPherson im Interview.
Tageblatt: Sie wuchsen in der Küstenstadt Hastings, im Südosten Englands, und an verschiedenen Orten in Wales auf. An welchem dieser Orte fühlten Sie sich heimisch?
Graham McPherson: „An Hastings kann ich mich kaum erinnern. Ich war drei Jahre alt, als wir dort wegzogen. Letztlich zieht es mich immer wieder ans Meer. Man sagt ja, die Leute haben zu ihrem Geburtsort eine enge Verbindung. Bei mir trifft das nur bedingt zu. Mir reicht das Meer – egal wo auf der Welt. Wales mochte ich, aber London, wo ich jetzt wohne, ist auch Heimat für mich.“
„T“: Wie kommen Sie als Freund des Meeres in London zurecht?
G. McP.: „Meine Frau stammt ebenfalls von der Küste – nur anderthalb Stunden von London entfernt. Da verbrachte ich auch die letzten Tage. Ihre Familie besitzt dort eine Strandhütte. Die habe ich gerade neu gestrichen. Nun erstrahlt sie in einem hellen Grün. Ich habe sogar noch Farbkleckse auf meinem Arm. Grün deshalb, weil ihre Mutter Irin war. Aber zurück zum Thema: In London siehst du keinen Horizont. Du siehst das Haus vor dir, aber nicht weiter. Selbst wenn man hochblickt, sieht man nur einen winzigen Teil des Himmels. Am Meer genieße ich es, in die Ferne zu blicken. Das ist beruhigend und hat etwas Meditatives. Ich liebe es auch, den Sonnenuntergang zu beobachten. Andererseits mag ich Menschen. Insofern passt London auch zu mir. Mir geht es hier nicht um die Architektur oder den Vibe der Stadt, sondern um die Menschen.“
Die Schatzinsel und Moby Dick
„T“: Wenn Sie den Sonnenuntergang betrachten, bekommen Sie dann Fernweh?
G. McP.: „Ja, etwas. Meine Lieblingsbücher sind Robert Louis Stevensons Roman ‚Die Schatzinsel‘ und ‚Moby Dick‘ von Herman Melville. Geschichten über Holzschiffe, die auf hoher See gegen die Naturelemente ankämpfen. Das kommt wohl daher, dass ich am Meer geboren wurde. Wobei ich kein Boot besitze und auch nicht segle. Aber wenn ich aufs Meer rausblicke, sehe ich die Möglichkeit, dort ein Abenteuer erleben zu können.“
„T“: Sie segeln immerhin auf der Welle des Erfolges.
G. McP.: „Haha. Exakt.“
„T“: Im Ernst: Was bedeutet Ihnen Madness?
G. McP.: „Anfangs nannten wir uns noch The Invaders. Ich weiß schon gar nicht mehr, warum. Es war einfach ein lustiger Name. Aber es gab noch eine andere Band gleichen Namens. Folglich mussten wir uns was Neues einfallen lassen. Es war klar, dass wir einen Songtitel als Bandnamen nehmen wollten. In Anlehnung an einen Song des Ska/Reggae-Musikers Prince Buster wurden wir Madness. Und jetzt, 35 Jahre später, ist Madness immer noch dieselbe Band und unsere Konzerte sind wirklich ‚madness‘. Das ist das Wichtigste für mich.“
„T“: Es gab einige wenige Besetzungswechsel. Letzten Endes sind Madness – abgesehen von Bassist Graham Bush – seit Ende der Siebziger in der aktuellen Besetzung zusammen. Was eine absolute Seltenheit ist. Wie schafften Sie es, so gut miteinander auszukommen?
G. McP.: „Ich brauchte mal zwei Monate, um festzustellen, dass wir einen neuen Bassisten haben. Es sind einfach zu viele in der Band. (lacht) Freundschaft ist verdammt wichtig; sie hat uns zusammengehalten. Wir fingen ja als Schulfreunde an. Unser größter Erfolg ist wohl, dass wir nach wie vor so eng miteinander befreundet sind. Dafür haben wir wahrscheinlich mehr geackert als für irgendeinen Text oder eine Melodie. Klar, wir hatten unsere Kämpfe und Phasen, in denen wir nicht mehr miteinander gesprochen haben. Doch als Kollektiv haben wir realisiert, wie schwierig es ist, neue alte Freunde zu gewinnen. Wer einen alten Freund hat, sollte etwas dafür tun, ihn zu behalten.“
„T“: Glauben Sie, Ihre Fans kommen heutzutage zu den Konzerten, um hauptsächlich die alten Hits zu hören?
G. McP.: „Absolut. Das frustriert mich aber nicht. Eigentlich müssten sie frustriert sein, weil sie die neuen Lieder nicht so wertschätzen. Doch so langsam passiert das auch. Es war ein langer Prozess. Wenn wir in einem Land über mehrere Jahre nicht gespielt haben, stehen automatisch die Klassiker im Fokus. In England touren wir regelmäßig, daher verhält es sich hier auch etwas anders.“
„T“: Ende 2010 wurde Ihrer Band im Rahmen der „Q Awards“ der „Idol Award“ überreicht. Viele Fans waren lange der Meinung, dass Madness oft nicht die Wertschätzung zuteil wurde, die die Band verdient hatte. War dieser Preis eine Art Genugtuung?
G. McP.: „In gewissem Maße ja. Wir verkauften früher zwar viele Alben, aber in den Augen der Kritiker-Intelligenz hatten wir nichts erreicht. Sie hatte uns damals nie ernst genommen. Aber auch das kümmerte mich nie. Und dann lobten sie 2009 plötzlich allesamt unser Album ‚The Liberty Of Norton Folgate‘ in den Himmel und wir bekamen unter anderem besagten Award. Der größte Preis für mich ist aber nach wie vor die enge Freundschaft innerhalb der Band.“
Madness
Sonntag, 15. September
in der Rockhal Box
Beginn: 20.30 Uhr
www.rockhal.lu
www.madness.co.uk
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