Das Theater Trier hat turbulente Tage hinter sich. Nach nur einer Spielzeit endete im November 2016 die Intendanz von Karl M. Sibelius, auch der Kulturdezernent musste wenig später seinen Hut nehmen. Das Defizit von 2,3 Millionen Euro, ein massiver Rückgang der Abonnentenzahlen und innerbetriebliches Chaos haben das Dreispartenhaus, das bereits 2013 von der Schließung bedroht war, erheblich ins Schlingern gebracht.
Der Mann, der nun den Karren aus dem Dreck ziehen soll, heißt Manfred Langner, studierter Jurist und zuvor Intendant der Schauspielbühnen in Stuttgart. In Abgrenzung zum Paradiesvogel Sibelius stellt er sich mit „Ich bin der Normale“ vor – und vielleicht ist es genau das, was Trier braucht: ein Theater, das wieder ruhige Gewässer ansteuert. Langner erweckt den Eindruck eines Mannes der Tat, hat das gesamte Direktorium neu und überaus hochkarätig besetzt – Jean-Claude Berutti, der 2007 bei der Biennale den Goldenen Löwen gewann, wird Operndirektor – und er genießt offenkundig die Unterstützung des ebenfalls anwesenden Oberbürgermeisters, die seinem Vorgänger versagt blieb.
Solides Programm,wenig Überraschungen
Alles scheint also bereit für einen Neustart in der Stadt, die sich ohne Scheu als Moselmetropole bezeichnet und sich für das großstädtische Selbstverständnis gerne auch das Theater ans Revers heftet. Wer allerdings einen Blick in den Spielplan 18/19 wirft, dem mag der frische Wind doch eher wie ein tiefes Luftholen im romantisch angestaubten Magazin der Stadtbibliothek erscheinen – der Duft von Klassikern schwebt im Raum. Zweimal Shakespeare, „Don Giovanni“, Monty Pythons „Spamalot“, ein biografisches Musikstück über Edith Piaf – altvertraute, publikumswirksame Namen. Das Labor ist geschlossen, hier finden jetzt wieder Vorstellungen für die braven Bürger statt. Man kann Langner keinesfalls ein schwaches Programm vorwerfen, allerdings hätte ein bisschen mehr Lust am Experiment der großen Bühne gut angestanden.
Das Programm auf der Studiobühne ist naturgemäß etwas zeitgenössischer: Sechs Tanzstunden in sechs Wochen loten die Beziehung zwischen Konservativen und Liberalen aus, „Monsieur Ibrahim et les fleurs du Coran“ erzählt von der Freundschaft zwischen einem jüdischen Jungen und einem anatolischen Kolonialwarenhändler und Salomé Lelouchs „Politiquement correct“ wird hier im Frühjahr 2019 auf deutsch uraufgeführt. Der Ariadnefaden der Aufführungen ist die Betrachtung des Zwischenmenschlichen bei jenen, die klassischerweise Wert auf ihre jeweilige Unterschiedlichkeit legen, und die Erforschung einer Identitätspolitik, in der sich die behauptete Individualität aus der Festlegung auf Gruppenmerkmalen speist, statt im Diskurs mit dem Anderen stetig neu verhandelt zu werden.
Zieht man noch „P’tit Albert“ hinzu, die vermutlich außergewöhnlichste Inszenierung, in der die Zuschauer zu Insassen einer psychiatrischen Anstalt werden, ist das Foucault’sche Quartett komplett. Wenn hier die Umsetzung stimmt, lohnt sich jedes einzelne Stück, das den Weg auf die kleine Bühne findet, da sie letztlich unterschiedliche Facetten einer großen Debatte künstlerisch beleuchten.
Musik- und Tanztheater sind in ihren Programmen deutlich ausgewogener aufgestellt – Roberto Scafati, zuvor Ballettdirektor in Ulm, bringt mit Tschaikowskys „Dornröschen“ einen Klassiker, mit „Zorbas“ die Ballettversion eines der berühmtesten Filme des 20. Jahrhunderts und mit „Die Reise in die Hoffnung“ eine Eigenproduktion auf die Bühne. Neben dem bereits erwähnten „Don Giovanni“ erwartet die Operngänger „Madama Butterfly“ von Puccini, die Operette „La vie parisienne“ – und ein Special mit zwei Opern an einem Abend: „Dido and Aeneas“ von Purcell und „La voix humaine“ von Francis Poulenc. Man darf von Berutti erwarten, dass die Oper durch die Bank gelingen wird, somit ist das Programm hier als überregionaler Gewinn zu verzeichnen.
Insgesamt bietet der vorgestellte Spielplan für luxemburgische Theaterfreunde einen wohltuenden Anreiz, Trier aus anderen Gründen als dem samstäglichen Konsumbedürfnis einen Besuch abzustatten. Man hätte sich einiges mehr wünschen können: mehr Experimente, mehr Postdramatik, mehr außereuropäische Produktionen – und auch mehr Frauen in leitender Position.
Nach den letzten Jahren sollte man sich jedoch vielleicht einfach bescheiden geben und sich freuen, dass das Theater um das Theater ein Ende hat und ein solides Bühnenprogramm in Trier stattfindet – mit Aussicht auf erfolgreiche Zeiten. Immerhin ist von Schließung jetzt keine Rede mehr.
Von Tom Haas
Zu Demaart
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