„Um Tschechow inszenieren zu können, muss man gelebt haben“, sagt Marja-Leena Junker und lächelt. Liebevoll spricht sie von ihren drei verletzten und von ihren Vätern verlassenen Kindern. Von Nina (Myriam Muller), deren Mutter tot ist und deren Vater sie verstoßen hat, von Mascha (Birgit Ludwig), die ihren Vater nicht mag, von ihrer Mutter nie etwas Sinnvolles gelernt hat und sich wie in eine Leere hineingeworfen fühlt und von Trepljow (Dimitri Storoge), dem einsamsten von allen, der Theaterstücke schreiben möchte, der von seiner egozentrischen Schauspieler-Mutter (Nicole Dogué) nicht nur vernachlässigt, sondern regelrecht abschätzig behandelt wird und der sich am Ende des Stücks in den Selbstmord stürzt.
" class="infobox_img" />Marja-Leena Junker
La mouette
Anton TchekhovAdaptation française:
Anfré Markovicz et Françoise Morvan
Vorstellungen:
17., 21., 22., 24. Oktober um 20 Uhr im Studio des Grand Théâtre
Infos und Tickets:
www.theatres.lu
www.luxembourgticket.lu
Eigentlich, meint Marja-Leena Junker, sei es nur Nina, die im Laufe des Stückes eine wirkliche Entwicklung durchmacht, die sich mit den Jahren von ihren idealistischen Träumen verabschieden kann und versteht, dass es nicht der Ruhm ist, der einen Schauspieler auszeichnet, sondern seine ewige Geduld.
«Das Theater erneuern»
Die Auseinandersetzung mit der Kunst und dem Künstlerdasein, mit den Schwierigkeiten der Kreativität und dem ständigen Suchen nach neuen Ausdrucksmitteln und Formen, denen sich die Figuren in der „Möwe“ stellen müssen, ist, was Marja-Leena Junker an diesem Stück besonders reizt. „Das Theater zu erneuern, ist ein ewiges Bedürfnis aller Theaterschaffenden“, sagt sie, jeder Künstler möchte immer tiefer, immer ein Stück näher an die nie zu erreichende Wahrheit gelangen. Und trotz aller Unzufriedenheit und Getriebenheit, die wohl alle Künstler auszeichnen, die Überzeugung zu haben, dass das Leben ohne Kunst nicht viel wert ist, diese Aussage möchte Marja-Leena Junker auch heute in die Welt hinausschreien.
Sie selbst kennt das Gefühl der Unzufriedenheit, auch nach dieser Inszenierung würde sie, sagt sie, sicherlich am liebsten gleich wieder von vorne anfangen, um es besser zu machen und um noch ein bisschen tiefer in das Tschechow’sche Universum einzudringen. „Ich habe einen großen Respekt vor dem Text“, sagt sie. Sich als Regisseurin weit hinter den Autor zu stellen und den Text auszuloten, ist für sie selbstverständlich. Die Inszenierung dürfe man gar nicht sehen, meint sie, erst wenn das Publikum lebt, lacht und weint und sich keine Gedanken über die Art der Inszenierung macht, dann handele es sich wohl um eine geglückte Inszenierung.
Sehen wichtiger als hören?
Doch es sei schwierig heute mit dem Publikum. Es sei daran gewöhnt, auf der Bühne eine gewisse Schnelligkeit und Lebendigkeit geboten zu bekommen. Sehen sei den meisten wichtiger als hören. Doch bei Tschechow müsse man vor allem hinhören, jeder Satz sei wichtig und besonders auch all das, was nicht gesagt werde. Tschechow vermittelt seine Inhalte nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, ganz im Gegenteil, seine Aussagen entstehen allmählich, wachsen mit der Entwicklung des Stückes.
Es passiert selten etwas in den Stücken Tschechows, das sei das gefährliche, wenn man Tschechow inszeniert, es darf nicht langweilig werden. Doch gerade weil Tschechow es wohl wie kein zweiter versteht, anhand der alltäglichen Kleinigkeiten im Leben der Menschen, das Triviale und das Sublime, die Preise von Lebensmitteln mit der Todesangst, zu verbinden, kommt er dem Paradox der menschlichen Existenz so nahe. Und genau das macht die Stücke Tschechows so einzigartig und zeitlos. Wir dürfen gespannt sein, auf die Premiere am Montag, und wenn der kleine Einblick in die Proben hält, was er verspricht, dann wird dieser Abend ein besonderer in der Luxemburger Theatersaison.
Zu Demaart
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