In diesem Jahr ist die Situation eine völlig andere. Einige Flops, viele gute Filme, aber kein klarer Favorit in Sicht. Was werden die Argumente der Jury sein, wird das Team rund um Steven Spielberg nach dem Gießkannenprinzip Trophäen vergeben, um ja niemanden zu verärgern, oder wird Spielberg versuchen, Akzente zu setzen?
Kino als Ausdruck unserer Träume
Der Regisseur von „ET“, „Jaws“, der „Indiana Jones“-Sage, von „Saving private Ryan“, „Schindler’s List“ oder auch „Minority Report“ sagt von sich selbst, er mache die Art von Filmen, die er als Kind gemocht habe, das Kino sei Ausdruck unserer Träume. Auch konnte man immer wieder lesen, dass der mittlerweile 66-Jährige davon überzeugt ist, dass gute Filme das Denken der Menschen verändern.
Berücksichtigt man diese Ansichten, so könnte der japanische Beitrag „Like Father, Like Son“ von Hirokazu Koreeda gute Chancen auf eine Auszeichnung haben: eine Familienstory mit echten Gefühlen, wie Amerikaner sie lieben. Es sollte uns nicht wundern, wenn „Like Father, Like Son“ bald schon als USRemake in Produktion gehen sollte.
Kritiker von Spielberg monieren oft die melodramatischen Elemente und übersentimentalen Passagen in seinen Filmen. Ähnliche Kritik gab es für Steven Soderberghs Liberace-Biopic „Behind the Candelabra“, und vielleicht gereicht dies dem Film zur Ehre. Der sehr unspektakuläre Coen-Streifen „Inside Llewyn Davis“ porträtiert die Musikszene der 60er im New Yorker Greenwich Village. Zu keinem Moment seiner Karriere hat Spielberg thematisch Zugang zur Musik gefunden. Höchst unwahrscheinlich, dass er hiervon begeistert sein könnte.
Art-House-Kino aus Frankreich
Die beiden französischen Werke „Jeune et jolie“ und „La vie d’Adèle“ sind in ihren Sichtweisen sehr europäisch und stehen für das klassische Art-House-Kino des „Hexagone“. Auch „La Grande Bellezza“ von Paolo Sorrentino gehört in die Kategorie Kunstkino und dürfte eher leer ausgehen. Zwei sehr realistische Beschreibungen unerträglich harter Lebensbedingungen, „Heli“ aus Mexiko und „A Touch of Sin“ aus China, konnten bei der Presse positive Kritiken verbuchen und müssten eigentlich im Palmarès auftauchen, wenn auch unter „ferner liefen“.
Am gestrigen Freitag liefen im offiziellen Wettbewerb zwei der bislang besten Werke, ein doppelter Lichtblick: „The Immigrant“ von James Gray und „Michael Kohlhaas“ von Arnaud des Pallières. Zwei Filme, die eine ähnliche Vorgehensweise teilen. James Grays Film spielt in den 1920er Jahren, thematisiert die damalige Immigrationswelle in die USA, und des Pallières nutzt den Heinrich-von-Kleist-Klassiker, um unter anderem das Thema der Justiz/Selbstjustiz zu analysieren sowie die Figur des Revolutionärs (Kohlhaas). In beiden Filmen werden historische Ereignisse dank des heutigen Blicks zu wertvollen Kommentaren über die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.
Die beiden letzten Programmbeiträge, „Only Lovers Left Alone“ von Jim Jarmush sowie „La Vénus à la fourrure“ von Roman Polanski, stehen noch aus. Können sie für eine Überraschung sorgen? Morgen Sonntag wissen wir mehr.
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