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«Freiheit ist ein Gut»

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Die iranische Künstlerin und Regisseurin Shirin Neshat ist eines von sieben Jurymitgliedern der Berlinale, die über die Auszeichnung der Filme entscheiden wird. Ein Interview.

Bei unserem Gespräch mit Shirin Neshat sprach das Jurymitglied aber nicht nur über die Macht des Kinos und die Aufgaben politischer Kunst, sondern auch über das Leben im Exil und ihre Erfahrungen in Ägypten.

Tageblatt: Sie leben bereits seit mehr als zwanzig Jahren in den USA. Fühlen Sie sich als Iranerin in New York zu Hause?

Shirin Neshat: „Ja, das tue ich. Ich habe längere Zeit meines Lebens im Exil, als im Iran verbracht. Doch natürlich sind viele meiner Freunde in New York auch aus dem Iran, die meisten Menschen, mit denen ich arbeite sind Iraner, mein Mann ist Iraner. Einerseits bin ich der iranischen Gemeinschaft sehr verbunden, ich bin auch immer darüber informiert, was aktuell im Iran passiert, aber andererseits glaube ich, dass ich mit der Zeit auch ziemlich amerikanisch geworden bin. Ich habe in den USA studiert, mein Verständnis von Unabhängigkeit und mein Lebensstils sind doch sehr westlich geprägt. Ich bin eine richtige Bohemien aus New York und gleichzeitig emotional stark in der iranischen Gemeinschaft verwurzelt.“

„T”: Spüren Sie das politisch angespannte Verhältnis zwischen dem Iran und den USA nicht ständig in Ihrem Alltag?

S.N.: „Politik ändert sich die ganze Zeit. Zumindest genieße ich in den USA völlige Meinungsfreiheit, ich kann sagen was ich will und meine Arbeit tun. Freiheit ist ein Gut, dass man gar nicht genug schätzen kann. Ich bin außerdem überzeugt davon, dass ich in Europa größere Schwierigkeiten hätte, mich zu integrieren, als in den USA.“

„T“: Warum?

S.N.: „Integration ist in Europa noch nicht sehr weit voran geschritten. Das liegt sicherlich auch an der tausendjährigen Geschichte und Tradition. Ich möchte nicht verallgemeinern, aber ich merke wirklich, dass die amerikanische Kultur für Ausländer offener ist, um sich in ihr zu integrieren. Amerika – so kompliziert dieses Land auch sein mag – ist noch ein recht junges Land, das zu einer großen Mehrheit aus Einwanderern besteht. Manchmal vergesse ich, dass ich in New York ein Ausländer bin, weil sich dort so viele verschiedene Kulturen treffen, dass fast jeder ein Ausländer ist. Wenn ich nach Europa komme, dann werde ich mir meines Hintergrundes, meiner Kultur, meines Anderssein sofort bewusst. Aber ich muss auch sagen, dass ich nur an der West- und der Ostküste der USA gelebt habe. In ländlichen Gegenden mag es anders sein.“

„T”: Sie sind eine Künstlerin mit starkem politischem Bewusstsein. Sie sagen von sich selbst, dass sie politische Kunst machen. Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Politik und Kunst beschreiben?

S.N.: „Dass ich eine politische Künstlerin bin, habe ich nicht gewählt. Diese Entscheidung habe ich nicht bewusst getroffen. Mein Leben ist so stark von Politik beeinflusst, selbst die Tagespolitik beeinflusst meinen Alltag unmittelbar, dass ich gar nicht anders kann, als mich ständig damit zu beschäftigen und darüber nachzudenken, was passiert. Ich bin auch immer wieder richtig wütend und frustriert, wenn ich wieder einmal merke, dass irgendein Regime mein Leben kontrolliert. Eine politische Künstlerin zu sein ist für mich ein wirkliches Bedürfnis. Es geht gar nicht anders. Ich denke, dass kein Iraner heute unpolitische Kunst machen kann. Egal ob er nun im Iran lebt oder im Exil.“

Das komplette Interview lesen Sie am Mittwoch im Tageblatt.