Lesen kann gefährlich sein. Vor allem für Frauen. Im Biedermeier des 19. Jahrhunderts galt die weibliche Verführbarkeit als eine der „großen Passionen“, schreibt der Literaturwissenschaftler Stefan Bollmann. Lesen, so glaubte man, sei ein „verderblicher äußerer Einfluss“, der „innere Zuchtlosigkeit“ zur Folge habe. Hauptsächlich Liebes- und Gesellschaftsromane wurden als „Einfallstor der diabolischen Mächte“ betrachtet.
" class="infobox_img" />Josée Kappweiler, Präsidentin der Frauenbibliothek des „Cid-femmes“, wendet sich mit ihrer spezifischen Frauenliteratur vorwiegend an weibliche Leser.
Stefan Bollmann,
„Frauen und Bücher“,
DVA, München, 448 S., 22,99 Euro
In seinem Buch ist ein Gemälde des belgischen Malers Antoine Wiertz von 1853 zu sehen, eine auf einem Laken ausgestreckte, splitterfasernackte Frau, die einen Roman liest. Sie hält ihn in der linken Hand, der an der Wand rechts angebrachte Spiegel enthüllt für den Betrachter zwischen den angewinkelten Beinen der Leserin ihr Geschlecht. Am Bettrand schiebt eine lederne Hand ein weiteres Buch auf ihr Laken, es ist die Pfote des Teufels. Die unersättliche Leselust des Weibes, so soll suggeriert werden, ist auf ihre sexuelle Lust zurückzuführen.
Ich-Bildung durch Lesen
„Eine Leidenschaft mit Folgen“ nennt Bollmann seine Ausführungen. Anhand vieler Beispiele aus der Geschichte des Lesens erzählt er, wie Frauen, die lasen, angesehen wurden. So Marilyn Monroe, blond und sexy, die in ihren Drehpausen das gepuderte Spitznäschen in den „Ulysses“ von James Joyce steckte. Damit widersprach sie ihrem öffentlichen Rollenbild, was in der Filmindustrie als bedenklich galt.
Frauen, glaubten Männer, könnten sich im Stoff der Bücher verlieren.
Tatsächlich haben etwa Caroline Schlegel-Schelling oder Jane Austen bekundet, dass sie durch Lesen und Schreiben ihr eigenes Ich ausgebildet und ihren Weg in die persönliche Identität gefunden hätten. Weiblichen Lesern, so Bollmann, diene die Lektüre der schärferen Wahrnehmung der Welt; die Intellektuelle Susan Sontag wird als Kronzeugin dafür genannt. Alle Leser machen bei der Lektüre neue Erfahrungen, womit die eigene Einstellung zu vielen Dingen verändert werde. Bei Frauen sei das stärker entwickelt als bei Männern. Flauberts Roman „Madame Bovary“ habe nachweislich Leserinnen zu Liebesabenteuern und Ehebrüchen angeregt.
Frauen zeigen mehr Offenheit
Weibliches Lesen ist eine Suchbewegung, fand Stefan Bollmann heraus. In einer im Beruflichen immer noch männlich dominierten Welt suchten Frauen nach dem, was sie seien und was sie erreichen könnten. Lesen befriedige ihr immerwährendes Bedürfnis nach Gefühlen, vor allem der Liebe, und nach stärkerer Lebendigkeit. Auch Trotz spielt laut Bollmann eine Rolle, denn lesende Frauen durchbrechen mit ihrer Lektüre den allzu engen Rahmen ihres Alltags. Selbst heute sei es für Frauen ein guter Weg, Konventionen hinter sich zu lassen. Sie lesen sich sozusagen aus dem Herkömmlichen heraus, Literatur wird für sie im wahrsten Sinn der Wortes zum Abenteuer, auch zur Sinnsuche und im Endeffekt zum Genuss und Gewinn. Männer dagegen läsen sachlicher.
Bollmann spricht den Frauen mehr Neugier zu, auch mehr Offenheit und die Bereitschaft, Neues zu probieren und dabei auch Wagnisse einzugehen. Dabei beruft er sich auf die Neurobiologie. „Lesen ist sexy“, hat die Schriftstellerin Jeanette Winterson gesagt. Und Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk schrieb: „Romane sind wie ein zweites Leben.“
Zu Demaart
Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können