Donnerstag22. Januar 2026

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Emotional impotent

Emotional impotent
(movieweb)

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Sein Computer ist voll mit Cyber-Sex-Gespielinnen, sein Schrank quillt über mit Pornoheften und -videos, ständig geht er onanieren und abends fickt er. Mit irgendjemandem. Schnell und zwanghaft, freudlos befriedigend. Denn Sex ist nackte Sucht für Brandon.

Eigentlich kommt Brandon mit seinem Leben ganz gut klar. Er ist attraktiv, hat einen guten Job, mehr oder weniger sympathische Kollegen, mit denen es auch mal ganz nett ist, ein Bier trinken zu gehen, ein schickes Appartement in der New Yorker City, in dem er so viel und so lange nackt herumlaufen kann, wie er will. Und eine Schwester.

Als Sissy eines Tages vor Brandons Tür steht und ihn bittet, einige Zeit bei ihm unterkommen zu dürfen, wird es allerdings kompliziert. Brandon fühlt sich in seiner Freiheit bedrängt, kann sein exzessives Pornosurfen und seine Sexsucht nicht mehr ungestört ausleben.

Er dreht mehrmals fast durch. Wird handgreiflich. Auch Sissy gegenüber. Sie hingegen entschuldigt sich die ganze Zeit und will eigentlich nur in den Arm genommen werden, von Brandon, aber auch von seinem Vorgesetzten, mit dem sie nach einem Abend mit viel Schampus und Shots in Brandons Bett gelandet war.

Give me a hug!

Sissy wird, wie immer, zurückgestoßen. Auch Brandon schmeißt sie aus dem Bett, brüllt sie an und fordert sie mehrmals auf, endlich wieder auszuziehen. Und doch gibt es Momente voller verletzlicher Zärtlichkeit zwischen den Geschwistern. Denn Sissy ist die einzige Person, die es schafft, dass dem sonst sehr reserviert und unnahbar auftretenden Brandon eine Träne die Backe herunterläuft – in einer Jazz Lounge, als Sissy eine ungemein traurige Interpretation des Sinatra-Klassikers „New York, New York“ zum Besten gibt. Ihr Gesangsauftritt ist nicht nur der Höhepunkt des Films, sondern auch sein Schlüsselmoment, weil er die Psychen der Geschwister bloßlegt.

„Wir sind keine schlechten Menschen, schlecht ist, wo wir herkommen“, sagt Sissy einige Szenen später. Damit wird die wohl schlimme Kindheit der beiden angedeutet; während Brandon als Erwachsener nun jegliche Nähe und Emotionalität von sich abtrennt, schlägt sich Sissy als labiles, liebesbedürftiges Wesen durchs Leben, das von Männern erwartet, was sie ihr eh niemals geben können.

Er spielt nicht, er fühlt

Michael Fassbender als Brandon ist einfach phänomenal. Er spielt nicht, er fühlt. Wie bereits in „Hunger“ (2008) hat Steve McQueen ihm wieder die männliche Hauptrolle anvertraut, denn er sei der Einzige, der ihn überzeuge: „Für mich hat Michael Fassbender die Schauspielerei verändert“, so der Regisseur. Auch Carey Mulligan als Sissy überzeugt durch ihre berührende Art.

Die Darsteller moralisieren nicht, sondern legen tiefste Abgründe der menschlichen Psyche frei. Mit kühlen, nüchternen Bildern fängt Steve McQueen eine Stimmung voller Kälte und Wärme zugleich ein. Die wenigen Dialoge und das Klavierspiel im Hintergrund unterstreichen diese kraftvolle Regie, die auf die Leistung der Schauspieler vertraut und besonders bei den Sexszenen völlig kompromisslos ist. McQueen geht es nicht um ein Urteil oder eine Lösung, sondern ums bedingungslose Zeigen. Sicherlich nichts für besinnliche Weihnachten, aber absolut sehenswert für alle, die dieser Besinnlichkeit entfliehen und einen richtig guten Film sehen möchten.