Mit diesen Worten entschuldigte sich Katja Lange-Müller dafür, dass zum vereinbarten Interviewtermin nur ihr Anrufbeantworter ansprang. Der Schlüssel war weg. Die Tür zur Wohnung verschlossen. Sie draußen. Eine Geschichte des Alltags, von jener Natur, aus der Bücher entstehen können
Am Donnerstagabend (11.07.13)
Katja Lange-Müller liest aus „Böse Schafe“• um 18.30 Uhr
• im Cité Auditorium
3, rue Genistre
L-1623 Luxemburg
• Eintritt frei• Organisiert vom „Institut Pierre“ Werner in Zusammenarbeit mit der „Cité
Bibliothèque“ und der Universität des Saarlandes
Schnoddrige Umgangssprache
Auch ihr letztes Buch, der Roman „Böse Schafe“, beginnt mit einer Alltagssituation: eine zufällige Begegnung zwischen zwei Menschen auf einer Straße im ehemaligen West-Berlin. Dass daraus dann jedoch große Literatur wird, ist vor allem der für den Inhalt gefundenen Sprache zu verdanken. Schnoddrige Umgangssprache gepaart mit feinster Ironie und Metaphorik. Existenzen am Rande der Gesellschaft, denen Katja Lange-Müller in ihrer Reflexion folgt und deren Gedanken sie Sprache werden lässt. Dazu kommt die Vielschichtigkeit des Romans, der sich auf vielen verschiedenen Ebenen lesen lässt: als Liebesgeschichte, als Studie über Abhängigkeit und Glück, als Parabel auf das geteilte Berlin oder auch als ein Versuch, die vergangenen Achtzigerjahre in Berlin zu konservieren.
Lesender Schreiber – schreibender Leser
Katja Lange-Müller ist Meisterin der Reduktion. In ihren Texten ist kein Wort zu viel. Sie verliert sich nicht, hat immer das Ende im Blick. Denn da sie sich selbst nicht als „lesenden Schreiber“, sondern als „schreibenden Leser“ sieht, will sie eines unbedingt vermeiden: den Leser zu langweilen. Sie ist der Meinung, dass ein Autor seine Leser für das, was er zu sagen hat, nicht länger an einen Text binden darf als unbedingt nötig. Daran hält sie sich. Und wenn der Leser nach den zweihundert Seiten „Böse Schafe“ noch nicht genug hat, dann kann er ja noch einmal von vorne beginnen. Eigentlich fing das mit dem Schreiben für Katja Lange-Müller nicht gerade vorteilhaft an. Zunächst einmal wurde sie Ende der Fünfzigerjahre in der Schule dazu gezwungen, als Linkshänderin mit rechts zu schreiben. Dabei ist man bekanntlich ja nicht gerade zimperlich vorgegangen. Dann ist sie auch noch sitzengeblieben, wegen des Schreibens. Und doch hat sie nie die Flinte ins Korn geworfen. Ganz im Gegenteil. „Sich durchbeißen oder durchgebissen werden“, lässt sie ihre Protagonistin Soja in „Böse Schafe“ sagen, es scheint, als sei dies auch ein bisschen das Lebensmotto von Katja Lange-Müller selbst.
Doch zum Schreiben gekommen ist Katja Lange-Müller auf Umwegen (siehe blauen Kasten). Sie gehört sowieso nicht zu den Autoren, die das Schreiben als ein Wunder, eine Offenbarung, eine Gottesgabe sehen. Ganz im Gegenteil: Schreiben sei Arbeit. Und bei jedem neuen Buchprojekt fange man von vorne an, so als habe man zuvor noch nie geschrieben.
Nachdenken über das eigene Schreiben
Deshalb sind ihr die Auseinandersetzung mit Theorie, die Beschäftigung mit Texten anderer und das Nachdenken über das eigene Schreiben auch so wichtig. Sie hat eine Art eigene Poetologie entwickelt, ihre Brühwürfeltheorie, in der sie vom „Sog des Endes“ spricht und sie treibt Gedankenspiele gerne auf die Spitze, überlegt sich bis in die letzte Konsequenz, was sie denn tun würde, wenn eine böse Fee ihr das Messer auf die Brust setzen würde und sie sich entscheiden müsste: entweder nie mehr lesen oder nie mehr schreiben …
Auch das sind Gründe, warum es nicht nur spannend ist, Katja Lange-Müller zu lesen, sondern auch, sich mit ihr über Literatur und das Schreiben zu unterhalten. Heute Abend gibt es die Gelegenheit dazu.
Zu Demaart
Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können