„Rückkopplungen als Weltkulturerbe“ überschrieb die FAZ den Bericht vom Konzert auf der Berliner Waldbühne Anfang Juni. Untertitel: „Wie man mit Donnerhall Kirchentagsatmosphäre erzeugt: Neil Young und Crazy Horse geben in Berlin zwei Rock-Geschichtsstunden.“ In Anbetracht eines halben Jahrhunderts im Musikgeschäft sowie 37 Studio- und acht Live-Alben ist die Geschichtsstunde durchaus ernst zu nehmen.
„Be great or be gone“ (sinngemäß: Sei großartig, oder du verschwindest), diesen Leitsatz seines Produzenten David Briggs hatte Neil Young früh verinnerlicht. The Squires und The Mynah Birds hießen in den 60er Jahren die ersten Gruppen des 1945 in Toronto geborenen Kanadiers. Obwohl zu dieser Zeit schon einige bemerkenswerte Songs entstanden (z.B. Ain’t it the Truth, Lonesome Me, Farmer John), kamen die ersten Erfolge erst mit der Geburt von Buffalo Springfield. Young hatte seinen Freund Stephen Stills (Später Crosby, Stills and Nash) in Los Angeles nach langer Suche gefunden, es entstanden drei Alben und mit For What It’s Worth immerhin eine Top-10-Single.
Bemerkenswerte Erfolgsgeschichte
Die Karriere nahm aber erst so richtig Fahrt auf, als sich Young 1969 mit einer Band namens The Rockets zusammentat. The Rockets, das waren Ralph Molina am Schlagzeug, Billy Talbot am Bass und Danny Whitten an der Gitarre. Der Bandname wurde in Crazy Horse geändert und mit Everybody Knows This Is Nowhere folgte 1969 der Durchbruch. Eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf. Charakteristisch für all die folgenden Alben mit Crazy Horse (bis hin zum 2012 erschienenen Psychadelic Pill) ist in erster Linie das brachiale E-Gitarrenspiel, mit langen, mitunter hypnotisch wirkenden Soli.
Den größten Erfolg feierte Neil Young allerdings mit seinem Country-Folk-Rock-Album Harvest. Harvest wurde die meistverkaufte LP ihrer Zeit, die Single Heart of Gold der einzige Nr.-1-Hit des Musikers. Ein Lied, das irgendwie nicht so recht zu Young passen mag, obwohl Ausflüge in andere musikalische Stilrichtungen durchaus System hatten und sich seine Songs und Alben mit akustischer Gitarre erfolgreicher verkauften als der Rest.
Im Verbund mit Crazy Horse aber kracht es auf der Bühne. Young, Talbot, Mollina und Frank Sampedro, der Danny Whitten nach dessen Drogentod in den 1970er Jahren ersetzte, bilden dann ein „Bollwerk des Guten, Wahren und Authentischen in der Rockmusik“, wie die FAZ bemerkte. Dass Neil Young vor kurzem auf Anraten seines Arztes das Kiffen und Saufen aufgegeben hat, dürfte seinen Ruf als „letzter Hippie, der noch immer anders ist“, kaum schaden. Nur das Alter nagt ein wenig an Young und Co. Und so schließt der Konzertbericht der FAZ mit folgenden Sätzen: „Beim Schredder-Elfmeterschießen litt die Band sichtlich unter Erschöpfung. Männer fast um die Siebzig, mit so viel Lust am gewaltigen Krach, müssen auch mal zur Ruhe kommen. Zwei Stunden hat die Legende gelebt, Geschichtsstunden der Rockmusik.“
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