Selbst mit ihren 87 Jahren konnte die „grande dame“ des französischen Chansons das nicht ganz junge Publikum begeistern.
Knapp zehn Minuten mussten ihre Fans warten, dann stand Madame Gréco auf der Bühne und griff zum Mikrofon. Ein etwas unsicherer Konzertbeginn, bedingt durch das Alter und die Sehbehinderung der Künstlerin, die denn auch während des anderthalbstündigen Auftrittes am gleichen Platz stehen blieb.
Spuren des Alters
Auch das schwarze Samtkleid war offensichtlich ein Überbleibsel aus besseren Zeiten. Mit seinen Fledermausärmeln wirkte es zwar sehr effektvoll – diese unterstrichen eindrucksvoll die eleganten Gesten der Sängerin –, das Kleid war aber mit seinen fließenden Linien nicht mehr ganz schmeichelhaft für die alte Dame. Das galt auch für die Beleuchtung, die mitunter gnadenlos mit der ehemaligen Schönen war.
Ein Wort der Begrüßung fand Juliette Gréco trotz nachhaltigen Applauses des Publikums nicht für ihre Escher Anhänger. Ohne direkte, persönliche Kontaktaufnahme mit dem fast bis auf den letzten Stuhl gefüllten Raum schlug der Pianist – in diesem Fall der Lebenspartner von Juliette Gréco und Arrangeur der meisten programmierten Lieder, Gérard Jouannest – den Ton an.
Er brachte jedoch gleich eine neue Dimension ein. Die unverkennbare, raue und zugleich schmeichelhafte Stimme, das Markenzeichen der Juliette Gréco, ließ die Abnutzung der Zeit und der langen Karriere vergessen. Selbst wenn sie ihre Lieder bei Jacques Brel oder Leo Ferré ausleiht (und von Jouannest anpassen lässt), tragen die Chansons ihren Stempel – trotz der, ton- oder zahntechnisch bedingten, ungünstigen Zischlaute, die die Erinnerung an viele mitgesummten Lieder trübten. Auch der große Theatersaal war nicht die beste Kulisse für die alte Dame des französischen Chansons. In einem kleineren Saal wäre der Funken möglicherweise besser übergesprungen.
Begeisterter Applaus
„Jolie môme“, „La chanson des vieux amants“, „Bruxelles“, „Avec le temps“: Lieder, die jeder im Saal kannte, und die zum Mitsingen geradezu aufforderten. „La Javanaise“ bekam schon im Voraus begeisterten Applaus. Doch die Künstlerin hatte nicht mehr die Kraft, ihr Publikum in die Show einzubinden, und die Begleitung, ein Klavier und ein Akkordeon, konnte ihr auch nicht den notwendigen Rückhalt geben.
Diese Schwächen überspielte Gréco häufig mit Sprechgesang, den Parolen ihrer eigenen oder der ausgeliehenen Chansons, die sie mit ihrer trotz allem immer noch typischen Stimme vortrug. Diese kam in Klassikern des Repertoires wie „Déshabillez-moi“ natürlich voll zur Geltung, unterstützt von der perfekten Gestik und professionellen Routine.
Mit „Ne me quitte pas“, einer weiteren Leihgabe aus dem Repertoire des großen Jacques Brel, verließ Madame nach genau anderthalb Stunden ihr Publikum, gestützt von ihren musikalischen Begleitern. Wiederum fand sie kein Wort für ihre Zuhörer, die sich – zum Teil stehend – für die Darbietung bedankten.
Das zahlreiche Publikum und sein bereitwilliger Applaus bestätigen zweifellos die Entscheidung der Programmdirektion. Das Escher Theater hat offensichtlich ein Publikum, das französische Chansons liebt. Es darf sich jetzt schon den 23. Januar vormerken, wenn Marie Paule Belle an Barbara erinnern wird.
Zu Demaart
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