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Applaus und Buh-Rufe für Pädophilendrama

Applaus und Buh-Rufe für Pädophilendrama
(dpa)

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Minutenlange Standing Ovations und Buh-Rufe: Für das Pädophilendrama "Michael" des Österreichers Markus Schleinzer gab es beim Filmfestival in Cannes beides.

Das extrem beklemmende Debüt über einen Mann, der einen Jungen im Keller gefangen hält und missbraucht, polarisierte das Premierenpublikum am Samstag – könnte aber einer der ersten Anwärter auf die Goldene Palme sein. Dieser Preis ging 2009 bereits an den Österreicher Michael Haneke und Drehbuchautor für «Das weiße Band». Schleinzer arbeitete bei Hanekes Film mit und war für das Casting der Kinderdarsteller verantwortlich.

«Michael» erinnert an das Schicksal der entführten und Jahre später geflohenen Natascha Kampusch. Und doch ist «Michael» ein still erzähltes Drama, das ohne reißerische Misshandlungsszenen auskommt. Schleinzer beobachtet stattdessen den Alltag des 35-jährigen Michael und des gefangenen zehnjährigen Jungen. Er zeigt, wie sie zusammen Abendbrot essen, abwaschen, aufräumen. Die Anspannung ist aber auch dann zu spüren – und kaum erträglich.

«Es ist ein Täterfilm»

«Ich wollte etwas schaffen, dem man sich aussetzen muss», erklärt der 1971 in Wien geborene Schleinzer. «Es ist ein Täterfilm. Und ich wollte aus der Welt und aus der Sicht des Täters berichten.» Die Auseinandersetzung mit dem Thema sei wichtig. «Eine Gesellschaft kann nur so weit entwickelt sein, wie sie auch in der Lage ist, sich mit ihren Tätern auseinanderzusetzen.» Es habe ihn in den letzten Jahren immer wieder beschäftigt, wie mit Tätern und dem Täterbegriff umgegangen werde. Bei Kindesmissbrauch handele es sich um eines der größten Verbrechen unserer Gesellschaft. Dafür habe er bewusst keinen konkreten Fall gewählt, sondern eine Fiktion erzählt.

Michael Fuith, bekannt aus Werken wie «Rammbock» und «Kleine Fische», spielt den Pädophilen mit ungeheurer Intensität. Das Doppelspiel nimmt man ihm ab: Tagsüber macht er als Versicherungsangestellter Karriere, nach Feierabend lässt er zu Hause die Rollläden runter und missbraucht den Jungen.

Der Zehnjährige wird gespielt von David Rauchenberger – und ist ebenfalls stark. Mit einem Kind ein solches Thema zu drehen, war nicht einfach, berichtet Schleinzer im Presseheft. «Mein Vorteil war, dass ich schon sehr viel mit Kindern gearbeitet habe.» Gerade «Das weiße Band» habe geholfen. «Unbeleckt hätte ich mich nicht an ´Michael´ herangetraut.»