Zunächst als Wirtschaftsminister, seit knapp einem Jahr als Kabinettsmitglied ohne Ressortzuständigkeit bereitete sich Sharma – wiederum ohne großes Aufheben – auf die Rolle vor, die seine politische Laufbahn definieren dürfte: Der Präsident von COP26 soll für die Weltgemeinschaft, aber auch für seinen Premierminister Boris Johnson den Erfolg der Weltklimakonferenz in Glasgow sicherstellen.
Sollte ihm diese Aufgabe gelegentlich unmöglich erscheinen, lässt sich Sharma dies nicht anmerken. Wie immer ein wenig schief lächelnd spricht der 54-Jährige mit jener Ministerin, plaudert mit diesem Delegierten – und erfüllt so die Rolle, die er sich selbst zugeschrieben hat. Er sehe sich, erläuterte er der Times, „nicht als Klimakämpfer, sondern als Oberhirte: Ich höre Leuten zu und versuche, einen Konsens zu erreichen.“
Und so bedankt sich der Klima-Präsident artig beim Co-Organisationsland Italien für dessen Vorarbeit auf dem Gipfel der G20-Nationen in Rom. Brasilien wird für die Unterzeichnung des Abkommens gelobt, das die Abholzung der Regenwälder eingrenzen, sogar revidieren soll. Vietnam erhält Streicheleinheiten für das „eindrucksvolle“ Versprechen, binnen 30 Jahren Klimaneutralität („Net Zero“) zu erreichen.
Der Mann, der in Agra (Uttar Pradesh) zur Welt kam und mit fünf Jahren an der Hand seiner Eltern nach England übersiedelte, hat sogar für Indiens Präsident Narendra Modi ein aufmunterndes Schulterklopfen parat. Zwar gehört das Land mit 1,3 Milliarden Menschen zu den größten Erzeugern Klima-schädlicher Gase; Net Zero verspricht Modi erst für 2070, zwei Jahrzehnte nach dem COP-Ziel 2050. Immerhin kündigt Indiens nationaler Plan (abgekürzt NDC), auf den sich UN-Mitgliedsstaaten verpflichten, „deutlich mehr saubere Energieerzeugung“ an, wie Sharma hervorhebt.
Ob der COP-Präsident dem Klima zuliebe eine härtere Gangart einlegt, wenn die Staats- und Regierungschefs aus Glasgow abgereist sind und von diesem Mittwoch an das Feilschen um nachprüfbare Versprechen und deren Milliardenfinanzierung erst richtig losgeht? Sharmas vergleichsweise unterkühlte Vorgehensweise sorgt in der Londoner Downing Street für Frustration – schließlich ist man dort Anderes gewöhnt. Freilich entpuppt sich Johnsons rhetorisches Feuerwerk allzu häufig als leeres Wortgeklingel. Die Klima-Verhandlungen, heißt es in Sharmas Umfeld, seien nun mal viel schwieriger.
Immerhin spricht auch Sharma dramatisch davon, längst würden „sämtliche Klima-Alarmlampen“ leuchten. Die Konferenz stelle „die letzte und größte Hoffnung“ dar, die Erderwärmung seit vorindustrieller Zeit auf 1,5 Grad zu begrenzen: „Aber das wird sehr schwer.“
Verlegenheitslösung
Den Buchprüfer und Banker Sharma machten die örtlichen Torys 2006 zum Kandidaten für den Wahlkreis West-Reading. Zwei Faktoren spielten dabei eine Rolle: Zum einen ist Sharma in der unscheinbaren Stadt 50 Kilometer westlich von London aufgewachsen. Zum anderen wollte die konservative Partei damals unbedingt den bis dahin beschämend niedrigen Anteil von Abgeordneten aus ethnischen Minderheiten erhöhen.
Seit 2010 gehört der verheiratete Vater von zwei Töchtern dem Unterhaus an, diente als Staatssekretär im Außen- und Wohnbauministerium, ehe Johnson ihn zunächst mit dem Entwicklungshilfeministerium betraute und sieben Monate später ins Wirtschaftsressort schickte. Dass er damals, im Februar 2020, gleichzeitig mit der Zuständigkeit für die eigentlich vor Jahresfrist geplante COP26 betraut wurde, stellte eine Verlegenheitslösung dar. Die vorherige Amtsinhaberin Claire Perry war zurückgetreten mit der eisigen Begründung, Johnson verstehe nichts vom Klimawandel: „Er interessiert sich auch nicht dafür.“
Das hat sich ebenso geändert wie Sharmas öffentliche Auftritte. In den ersten Wochen der Corona-Pandemie zog der damalige Wirtschaftsminister heftige Kritik auf sich, weil er hartnäckig und wortreich allen konkreten Fragen auswich. „Ausflüchte und Verschleierung auf ganz neuem Niveau“, urteilte damals der mit allen Wassern gewaschene Labour-Spindoktor Alastair Campbell. Seit Sharma sich auf die Klima-Aufgabe konzentrieren kann, ist auch seine Kommunikation besser geworden. Ein zündender Redner wird sicher nicht aus ihm. Vielleicht ist dem Weltklima mit ein wenig effizienter Geräuschlosigkeit ohnehin mehr gedient.
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