Sie war die erste der EU-Spitzen, die ins umkämpfte Kiew reiste. „Das Risiko, in Kiew zu sterben, ist hoch“, sagte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko zu diesem Zeitpunkt, als nördlich und östlich der Stadt noch heftige Kämpfe tobten. Roberta Metsola, gerade gewählte Präsidentin des Europaparlamentes, fuhr trotzdem. Und stärkte dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj den Rücken. Die Bilder gingen um die Welt. Selenskyj im olivgrünen Militär-T-Shirt mit kurzen Armen. Metsola im dunkelgrünen T-Shirt mit kurzen Armen. Ein Meisterstück der politischen Inszenierung. Der Kämpfer und die Kämpferin. Doch mit der Produktion von ständig neuen Bild-Ikonen steht die 43-jährige Spitzenpolitikerin nicht allein.

Wenige Wochen vor ihr war in Deutschland Annalena Baerbock ins Amt gekommen. Die erste deutsche Außenministerin. Im Wahlkampf hatten ihre Gegner mit der Provokation zu punkten versucht, wie das wohl aussehen würde, wenn die Brandenburgerin ohne nennenswerte administrative Erfahrung plötzlich den Mächtigen der Welt auf Augenhöhe begegnen würde. Und dann begegnete die 41-Jährige in Moskau dem russischen Außenminister und altem Haudegen Sergej Lawrow – und machte eine gute Figur.
Von der Sprache der Bilder verstehen sie beide etwas. Und von Durchsetzungsfähigkeit. Wer für Spitzenpositionen in der EU in Frage kommt, machen die großen Mitgliedsländer gewöhnlich unter sich aus. Metsola kommt aus dem kleinen Malta. Obendrein hatte sie es mit gestandenen Persönlichkeiten zu tun, die alle bessere Karten zu haben schienen, als EVP-Fraktionschef Manfred Weber den durch den Tod von David Sassoli frei gewordenen Posten nicht selbst anstrebte. Metsola griff zu – und schob erfahrene Männer beiseite.
Klare Kante
Auch Baerbock schien als Außenministerin bestenfalls in der zweiten Reihe zu stehen. Angela Merkel hatte die wesentlichen Entscheidungen und Repräsentationen in der Außenpolitik sich selbst vorbehalten, ließ die Herren im Außenamt eher blass aussehen. Doch Baerbock arbeitete sich schnell ein – und in die vorderste Reihe der Wahrnehmbarkeit. Das hatte auch mit der Entwicklung der politischen Großwetterlage zu tun. In den Triellen der drei Kanzlerkandidaten erlebten die Deutschen einen Olaf Scholz von der SPD, der kein kritisches Wort für die russische Gas-Pipeline Nord Stream 2 fand, einen Armin Laschet von der CDU, der die Gas-Pipeline mit vielen Worten zu verteidigen verstand. Und eben eine Annalena Baerbock von den Grünen, die klipp und klar sagte, dass das Projekt falsch sei und nicht in Betrieb gehen dürfe. Nur eine dieser drei Persönlichkeiten musste sich nach dem russischen Angriffskrieg nicht korrigieren.

Hanebüchene Stockfehler unterliefen dem Baerbock-Team im Wahlkampf und trugen zu einem Image bei, das von geschönten Lebenslaufpassagen, abgekupferten Buchtexten und dünnhäutig verweigerten Interviews geprägt war. Doch in der „Todeszone“ der Politik, eine von Joschka Fischer geprägte Umschreibung für Spitzenämter mit herausragendem Entscheidungsdruck, kommt es auf Steher-Qualitäten an. Baerbock stand. Und sie zeigt Selbstbewusstsein. Etwa wenn sie vom Europa-Parkett aus für die Lieferungen schwerer Waffen eintritt und am Rande eines EU-Außenministertreffens im April klarstellt: „Jetzt ist keine Zeit für Ausreden.“ Ein Ausrufungszeichen auch an den eigenen Kanzler.
Sie packen an
Zu dem bestimmten verbalen Auftreten liefert sie stets frische Bilder, mit denen sie ihre 540.000 Follower allein bei Instagram auch emotional an sich bindet. Ob sie in Niger schweres Obst in Eimern mit einer Holzstange auf ihrer Schulter zu tragen versucht, ob sie am Strand der Inselgruppe Palau im grünen Kleid mit nackten Füßen im Sand den steigenden Meeresspiegel thematisiert oder ob sie im schwarzen Kleid an Bord einer japanischen Korvette Seite an Seite mit einem weiß gekleideten Marine-Offizier das neue Verhältnis von Grünen und Militär dokumentiert – stets heißt es: „Was für ein Bild!“ Und dahinter steht jedes Mal die Botschaft von einer individuell erkennbaren und trotz Inszenierung als authentisch geltenden Spitzenpolitikerin.
Eine versteht sich darauf noch besser als Metsola und Baerbock. Die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin. Mit ihrem Besuch eines Rockfestivals auf der Insel Ruissalo in Lederjacke, kurzer abgerissener Jeans und Stiefeln schraubte sie den Coolness-Faktor für Spitzenpolitikerinnen in neue Höhen. Die 36-Jährige ist seit Dezember 2019 finnische Regierungschefin, war zu dem Zeitpunkt die jüngste weltweit. Und auch sie packt an. Über Jahrzehnte war es Tradition in Finnland, nach zwei blutigen Kriegen mit Russland gutnachbarschaftliche Beziehungen entlang der 1.300 Kilometer langen Grenze zu treiben. Phasenweise ließen sich die Finnen dabei auch „Finnlandisieren“, womit die geopolitische Ausprägung von vorauseilendem Gehorsam gemeint ist.
Jeder finnische Politiker vor ihr hätte nicht einmal im Traum daran gedacht, Finnland in die NATO bringen zu wollen. Er hätte sich daran nur verheben können. Doch nach dem russischen Angriffskrieg schätzte Marin den Stimmungsumschwung ihres Landes richtig ein – und trieb ihn kraftvoll voran. Natürlich lieferte auch sie der Ukraine militärische Unterstützung. Und natürlich reiste sie nach Kiew, stärkte Selenskyj den Rücken. Er im olivgrünen T-Shirt mit kurzen Armen, sie im schwarzen T-Shirt mit kurzen Armen.
Wieder ein Bild, wieder eine Botschaft von einer neuen Generation tougher Frauen in der EU.
Zu Demaart
Olivgrünen T-Shirt oder schwarzen T-Shirt mit kurzen Armen, grüne Kleidchen oder zerrissene Jeans; dazu genügend Follower auf Instagram...und schon kann man (Frau) Politik betreiben. Keine diplomatische Ausbildung, kein Verhandlungsgeschick; nein Selbstinszenierung benötigt man (Frau), schon ist man Tough und reif für die Welt! Was für eine Welt!