Hakt es? Oder läuft es? Um 09.07 Uhr macht ein einziges Wort eines der Unterhändler dieser dritten Sondierungsrunde für eine mögliche Ampelkoalition die Runde. Es sorgt einige Stunden für eine Nachricht, weil es endlich für eine Art Wasserstandsmeldung stehen könnte. FDP-Chef Christian Lindner kommt als Letzter der Unterhändler. Jeans, Sakko, offener Hemdkragen, eine Aktentasche in der Hand. Lindner sagt nur ein Wort auf die Frage nach der Stimmung? Aber dieses Wort hat Gewicht: „Schwer!“ Lindner sagt es so, dass jeder, der ihn hört, annehmen kann, dass drinnen im Verhandlungssaal tatsächlich erste echte Konfliktpunkte auf dem Tisch liegen. Schwer eben.
Kurz zuvor noch war Winfried Kretschmann, einziger Ministerpräsident mit Grünen-Parteibuch, aus dem Auto ausgestiegen. Ja, es gebe „drei ausstehende Themen“. Welche? Schweigen. Er weiß es selbst nicht. „Ob Koalitionsverhandlungen etwas Freudvolles sind, sei dahingestellt“, sagt Kretschmann und macht dazu eine ziemlich ernste Miene. Gut möglich, dass die Sondierer am dritten Tag ihres Kennenlernens zu dritt an einem Punkt angelangt sind, an dem die Ampel erstmals Gelb blinkt. Vorsicht beim Einfahren in die Kreuzung. Noch nicht Rot. Aber auch nicht Grün.
SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil, ganz der frühe Vogel, ist schon eine Stunde im „Hub 27“, einem Bürokomplex an der Messe Berlin, wo die Sondierer seit Montag verhandeln, als Lindner einen Einblick in die Stimmung, zumindest in seine, gestattet. In diesen Tagen des politischen Schweigegelübdes einer möglichen Ampel-Koalition ist das schon ein Statement. „Schwer!“ Da passt ins Bild, dass Grünen-Sondierer Sven Giegold am Morgen mit einem wuchtigen Trekking-Rucksack eintrifft, als absolvierte er gleich eine Art Ampel-Survival-Camp.
Olaf Scholz, der wenige Stunden später am Nachmittag nach Washington fliegt, wo er an einer Tagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) teilnimmt, hat es lieber bei einem knappen „Guten Morgen“ belassen. Auch an Tag drei dieser rot-gelb-grünen Sondierung regiert die „Vertraulichkeit“. Schweigen ist auf dem Weg eine nächste Bundesregierung zu bilden, zu einer echten Währung geworden. Gegen den Nachrichtenhunger werden Butterbrezen serviert. Sie verhandeln über eine Ampel, aber Grüne wie FDP haben den Bootsanleger für eine eventuelle Überfahrt nach Jamaika noch nicht endgültig hochgezogen.
Ich glaube, dass etwas Gutes daraus werden kann
Um 13.44 Uhr treten dann die Generalsekretäre von SPD und FDP, Klingbeil und Volker Wissing, sowie der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner, gemeinsam vor die Presse. In der Sache, über mögliche Streitpunkte, sagen sie wieder nichts. Da verrät Kretschmann, als er den Verhandlungsort verlässt, beinahe schon echte Inhalte, als er sagt, heute sei „über Europa, über Migration und Flucht und über noch was, aber da war ich nicht dabei“, gesprochen worden. Über noch was? Aha.
Stunde der Wahrheit bricht an
Klingbeil und Kellner haben in ihrer Arbeitsteilung ganz offenbar jenen Teil der Deutung übernommen, der eine mögliche Ampel in den Bereich des Möglichen reden soll. Wissing wiederum gibt den Mahner. Die FDP will sich ihren Spielraum bewahren. Kellner betont, in den vergangenen eineinhalb Tagen sei „die Menge an Gemeinsamkeiten größer, die Menge an Unterschieden kleiner“ geworden. Tage der Mengenlehre auf dem Weg zur Ampel. Klingbeil betont: „Ich glaube, dass etwas Gutes daraus werden kann.“ FDP-Generalsekretär Wissing lobt den „guten Ton“, sagt aber auch, dass in den nächsten beiden Tagen „die Stunde der Wahrheit“ anbreche.
Wenn Scholz in den USA ist, sollen Klingbeil, Kellner und Wissing aufschreiben, was bisher besprochen worden ist, dabei mögliche einzelne Konfliktpunkte vorentschärfen, bevor sie dann für die nächste Sondierung am Freitag wieder in großer Runde eine „Entscheidungsgrundlage“ auf den Tisch legen wollen. Kellner betont, man habe sich in den zurückliegenden beiden Tagen am Montag und Dienstag „nicht gegenseitig die Parteiprogramme vorgelesen“. Jetzt gehe es darum, „14 Stunden Verhandlungen zu verschriftlichen, das ist schon was“. Auf der Basis jener Zusammenfassung, die Klingbeil, Kellner und Wissing nun zusammentragen, wollen die Unterhändler dann ihren Parteigremien empfehlen, ob sie vermutlich bereits in der kommenden Woche dann in konkrete Koalitionsverhandlungen einsteigen. Die Grünen müssten dazu nach eigener Beschlusslage eigens einen kleinen Parteitag, ihren Länderrat, abhalten, der dann wiederum den Einstieg in Koalitionsgespräche beschließen müsste. Kellner versichert: „Wir sind sehr schnell handlungsfähig.“
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