In der Holzmoschee von Bohoniki haben sich ein Dutzend Gläubige zum Gebet versammelt. Niemand kann fassen, was über die kleine muslimische Gemeinde am Rande Polens gekommen ist. „Wieso bloß musste Mustafa sterben, er war doch im besten Alter?“, sagt ein bärtiger Mann, der besser Russisch als Polnisch spricht. Mit seinen Freunden ist er eigens aus Bialystok in dieses abgelegene Dorf unweit der belarussischen Grenze gefahren. „Mustafa war ein Muslim wie wir, er ist unser Bruder“, begründet der Mann, der im Jahr 2005 als Flüchtling aus Tschetschenien nach Polen gekommen war und hier politisches Asyl erhalten hat.
Mustafa Muhamed Murshed al-Raimi kam 16 Jahre zu spät nach Polen. Vor zwei Monaten wurde er in der Grenzgemeinde Kuznica ein paar Hundert Meter von Belarus entfernt in Polen entdeckt, als sich seine Leiche schon in einem erheblichen Zerfallsprozess befand. Kuznica ist inzwischen weltweit in aller Munde, seit Hunderte von Migranten Steine auf polnische Sicherheitskräfte warfen und versuchten, den Grenzzaun zu zerstören.
Im Sumpf steckengeblieben
Als Mustafa im September dort unterwegs war, gab es an vielen Stellen noch keinen Zaun. Doch offenbar war der 37-jährige Mann so entkräftet, dass er in dem stellenweise sumpfigen Gelände steckenblieb und einen grauenhaften Kältetod starb, wohl in der Nacht. Alter, Herkunft und Todesursache hat die polnische Staatsanwaltschaft etabliert, und das dauerte lange. Deshalb kann Mustafa erst jetzt an diesem Sonntag beigesetzt werden.
Zum Begräbnis ist eigens der Botschafter Jemens aus Warschau angereist, zusammen mit einem jüngeren Bruder des Verstorbenen, der legal aus Jemen eingeflogen wurde. Beide wollen nicht mit der Presse sprechen, die sich ebenso zu dem Begräbnis eingefunden hat. Der Bruder ist sichtlich mitgenommen, die Eltern, hört man unter der Hand, hätten aus Kostengründen nicht mitfliegen können.
„Wir sprechen nun das wichtigste Gebet, wir tun es auf Arabisch“, sagt der Imam und teilt die Trauerschar in Medienvertreter und Muslime. Auf der einen Seite des Sarges stehen rund drei Dutzend Tataren und Tschetschenen, auf der anderen Dutzende von Fernseh- und Fotokameras.
Nach dem Gebet wird die Leiche zum rund einen Kilometer entfernten Friedhof gefahren. Ein halbes Dutzend kräftige Männer tragen den mit einem Tuch umwickelten Sarg einen langen Weg rund um eine umfriedete Anhöhe. Seit 1786 werden hier die Toten des heute 97 Einwohner zählenden Dorfes begraben. Fast alle waren Einheimische. Doch die Flüchtlingskrise im polnisch-belarussischen Grenzgebiet hat dies radikal verändert. Zwei frische Grabhügel ragen am Ende des Mizar genannten islamischen Friedhofs aus dem Waldboden. Unter dem einen ruht ein 19-jähriger Syrer namens Ahmad Al Hasan, der andere Grabhügel ist mit „N.N.“ gekennzeichnet. Beide wurden in den letzten zwei Wochen aufgeschüttet.
„Diese Stelle hatten andere reserviert, doch nun ist hier der Flüchtlingssektor des Mizars“, erklärt Imam Aleksander Basarewicz nun auf Polnisch. Mustafa sei als Märtyrer gestorben, als Pilger auf dem Weg in ein erträumtes besseres Leben in Europa. „Märtyrer sind nicht immer Krieger, dafür braucht es keinen Krieg“, sagt der Imam. Geduldig erklärt er nun den Ritus. Er tut es vor allem mit Blick auf die vielen Medienvertreter, die aus dem nahen Sokolka, aber auch dem fernen Tokio angereist sind.
Alles ist jetzt anders
„Ich war es, der entschieden hat, alle erfrorenen Flüchtlinge hier zu begraben“, erzählt der tatarische Gemeindevorsitzende Maciej Szczesnowicz im Gespräch mit dem Tageblatt. Szczesnowicz lebt selbst in Bohoniki, einem von drei tatarischen Dörfern in Polen. „Wir sind seit Jahrhunderten hier, doch auch wir kamen einst von weit her, aus der heute ukrainischen Halbinsel Krim“, sagt der Mittvierziger. Szczesnowicz ist der Vertreter einer kleinen, aber geachteten muslimischen Minderheit in Polen. Nach der Schlacht um Wien von 1683 hatte der polnische König Jan Sobieski III. seinen tatarischen Kriegern mehrere Dörfer in Ostpolen geschenkt. Szczesnowicz ist einer ihrer Nachfahren.
Ihm obliegt es heute, die Opfer der umstrittenen Pushbacks des polnischen Grenzschutzes zu beerdigen. Doch der Gemeindevorsteher lässt sich zu keinerlei politischen Aussagen verleiten. „Wir helfen den Flüchtlingen und auch dem Grenzschutz“, sagt er und listet 300 Portionen Suppe auf, die seine Tataren in Bohoniki gekocht und unter beide Gruppen verteilt hätten. Wo so viele Flüchtlinge waren, will er aus Sicherheitsgründen nicht verraten. Doch beweist ein Film auf seinem Handy, dass Szczesnowicz – im Unterschied zu Journalisten – Zutritt zur Sperrzone hat, die knapp drei Kilometer östlich des Mizars beginnt.
Mustafa Muhamed Murshed al-Raimi ist inzwischen begraben, der Grabhügel mit Steinen umrandet und Tannenzweigen belegt. 37 Jahre alt sei er geworden, heißt es auf einer weißen Tafel, ein Todesdatum gibt es nicht.
„Die Temperaturen sinken, bald fällt der erste Schnee, ich rechne leider noch mit vielen toten Flüchtlingen“, sagt Szczesnowicz und zeigt traurig auf einen Acker am nahen Waldrand. „Dorthin müssen wir den Friedhof bald vergrößern, ich bin Anfang der Woche deswegen zu Gesprächen mit Regierungsbeamten in Bialystok“, sagt er. Bereits am Dienstag wurde das nächste Opfer begraben, ein 24 Wochen altes Flüchtlingsbaby. „Fragen Sie bitte nicht nach der Geschichte, ich beginne gleich zu weinen“, bittet der stämmige Mann.
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