Tageblatt: Herr Plöger, in den vergangenen Jahren erleben wir immer heißere Sommer. Bedeutet das im Umkehrschluss, das werden die kühlsten Sommer für den Rest unseres Lebens gewesen sein?
Sven Plöger: So direkt lässt sich das nicht sagen. Dennoch erleben wir aktuell die Folgen des Klimawandels, so wie sie uns die Wissenschaft schon vor 30, 40 Jahren genau skizziert hat. Jetzt zeigt es sich in der Realität. Dadurch sehen wir zum einen, dass die Klimawissenschaften eine präzise Arbeit machen, zum anderen, dass wir mit all unserem Handeln im ernsthaften Verzug sind. Die Hitzeentwicklung steigt stetig weiter an.
Also wird die warme Jahreszeit künftig doch immer heißer werden?
Wenn die globale Mitteltemperatur ansteigt, werden die extremen Ausschläge überproportional zunehmen. Wir haben jetzt wiederholt Temperaturen von fast 40 Grad in unseren Gegenden gesehen. Auf den britischen Inseln wurde erstmals die 40-Grad-Marke gerissen, fast 41 Grad an der Ärmelkanalküste in Frankreich, mehr als 50 Grad in Pakistan über mehrere Wochen, 34 Grad selbst am Polarkreis. Solche Werte gab es früher nie. Ich glaube, dass unsere Gesellschaft noch nicht richtig kapiert hat, wo wir wirklich stehen. Die Entwicklungen werden uns noch überrollen. Die Physik interessiert sich in keiner Weise für unsere Belange und drum sind wir gut beraten, Klima und Natur nicht einfach zu ignorieren. Das sind nämlich unsere Lebensgrundlagen, und so müssen wir uns vor den Auswirkungen atmosphärischer Veränderungen noch viel besser schützen. Es braucht echte, tiefgreifende Veränderungen.
Können Sie uns die Physik hinter den geballten Hitzewellen in Europa genauer erklären?
Einmal ganz grundsätzlich: Wetter gibt es, weil unterschiedliche Temperaturen auf dem Globus ausgeglichen werden sollen. Wenn es in bestimmten Regionen zu kalt ist, strömt warme Luft dorthin, um das wieder auszugleichen. Weil sich verschiedene Regionen unterschiedlich erwärmen, verändern sich bisher bekannte Strömungen. Besonders bedeutend sind die Jetstreams. Das sind große Windbänder in der Atmosphäre, die zu diesem Ausgleich in einer wellenartigen Bewegung beitragen. Wenn sich die Arktis durch den Eisrückgang übermäßig erwärmt, wird der Temperaturunterschied zwischen Pol und Äquator geringer – und damit wird auch weniger Ausgleich nötig. Ganz vereinfacht: Am Ende wird auch der für uns bedeutende Jetstream, die Polarfront, schwächer. Sie hat nun stärkere Nord-Süd-Ausbuchtungen und die Wellenbewegungen verharren öfter an einem Punkt. Genau dadurch kommt es zu Wetterextremen: Wenn ein Hoch stehen bleibt, kommt es zu Dürre und im Sommer zu Hitze. Wenn ein Tief stehen bleibt, zu Starkregen und Überschwemmung.

Wie weit ist die globale Erwärmung schon fortgeschritten?
Wir sprechen aktuell von 1,2 Grad Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter. Auf dem Globus befindet sich sehr viel Wasser, das eine hohe spezifische Wärmekapazität hat, also sehr viel Wärme aufnehmen kann. Dadurch wird der Temperaturanstieg in der Atmosphäre gepuffert. Wenn man nur die Landmassen betrachtet, sind wir jetzt schon bei einer Erwärmung von zwei Grad in Europa, in den Alpen sogar schon über zwei Grad und in der Arktis, wo sich das Eis zurückzieht, schon bei drei Grad. Die Forschung sagt uns: Wenn wir keinen echten Klimaschutz bis Ende des Jahrhunderts schaffen, werden zehnjährige Dürren mitten in Europa gewöhnlich. Jetzt ist eine fünfjährige Dürre mit kurzer Unterbrechung schon außergewöhnlich.
Also ist das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr zu halten?
Die Weltorganisation für Meteorologie geht inzwischen davon aus, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent schon 2026 die 1,5-Grad-Erwärmung überschritten sein wird. Deswegen sage ich ganz klar: Dieses Ziel werden wir nicht mehr packen. Punkt. Denn die Radikalität der Schritte, die für 1,5 Grad jetzt sofort notwendig wäre, würde vermutlich keine Gesellschaft weltweit mitgehen. Nur ein Beispiel: Wir müssten dazu etwa nahezu jeglichen Individualverkehr sofort aufgeben. Ich fürchte, das lässt sich kaum durchsetzen.
Von der Apokalypse auszugehen und jegliche Hoffnung aufzugeben, führt ja nicht dazu, dass wir wesentlich besser und schlauer handeln
Woher nehmen Sie die Hoffnung und Motivation, weiter für mehr Klimaschutz zu werben?
Es gibt doch keine andere Möglichkeit. Von der Apokalypse auszugehen und jegliche Hoffnung aufzugeben, führt ja nicht dazu, dass wir wesentlich besser und schlauer handeln. Den Optimismus muss man hochhalten. Und die physikalischen Möglichkeiten sind ja gegeben. Unter 2 Grad wäre wirklich machbar, wenn wir konsequent handeln.
Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz hat bekräftigt, dass durch den Ukraine-Krieg der Klimaschutz nicht aus den Augen verloren werden darf. Finden Sie das glaubwürdig?
Zunächst ist es eine vernünftige Aussage. So wie wir momentan agieren, kann man Zweifel daran haben, dass es schon bei allen angekommen ist. Insofern ist es richtig, dass Scholz das sagt. Nur: Seit wie vielen Jahren spricht die Politik schon davon, dass der Klimaschutz ganz vorne auf der Agenda steht? Das bisher Erreichte bleibt weit hinter dem zurück, was notwendig wäre.
Aktuell passiert eine ganze Menge, nehmen wir nur die neuen Gesetzespakete zum Ausbau der erneuerbaren Energien.
Es passiert mehr als in den Vorgängerregierungen, das stimmt. Die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Deutschland hat aber auch einen sehr großen Nachholbedarf. Wir liegen weltweit auf Platz sechs bei den Emissionen, von 194 Ländern emittieren 188 weniger als wir. Wir dürfen nicht nur den Anspruch haben, besser zu werden, sondern haben mit unserer Position auch eine ganz große Verpflichtung, Vorreiter zu sein. Sonst wären all unsere Worte, dass wir die Welt „enkelfähig“ machen wollen, reine Makulatur.

Sehen Sie die Gefahr, dass der russische Krieg den Klimaschutz noch weiter blockiert?
Der Krieg ist furchtbar. Aber meine Hoffnung besteht zumindest darin, dass der Schock, der uns durch die Glieder gefahren ist, als wir uns unserer selbstgemachten Abhängigkeiten – verblüffend spät übrigens – bewusst wurden, vielleicht dazu führt, dass wir endlich die Erneuerbaren so ausbauen, wie wir seit Jahren betonen, es tun zu wollen. Es hilft einfach nicht, Realitäten zu ignorieren und sich die Welt schönzureden. Das haben wir auch mit Herrn Putin gemacht. Schon auf der Sicherheitskonferenz 2007 hat er seine Weltsicht dargelegt. Genauso, wie er es dann auch verfolgt hat: in Georgien, Südossetien, Abchasien, Syrien, dann die Annexion der Krim. Welche Konsequenzen wurden gezogen? Quasi keine! Erst jetzt, durch den Ukraine-Krieg, geschieht das.
Was folgt daraus für den Klimaschutz?
Immer wenn wir vermeintlich Zeit haben, machen wir viel zu wenig oder zerreden all unsere Ziele. Wir können doch nicht sagen, der Ausbau der Erneuerbaren Energien hat oberste Priorität, und tun politisch dann alles, um das eigentlich zu verhindern. Etwa mit Ideen wie Nord Stream 2, wo uns das billige russische Gas unter dem Vorwand der „Brückentechnologie“ einfach näher war als alle Klimavernunft. Oder mit Abstandsregeln bei der Windkraft wie in Bayern, die den weiteren Ausbau nahezu verunmöglicht. A sagen, B machen – und sich dann wundern, dass es nicht klappt. Dass wir jetzt neue Gaslieferquellen suchen oder über Atomkraft diskutieren müssen, ist nur Ausdruck davon, dass jahrelang völlig falsch gehandelt wurde. Politisch ist das nun der Versuch, eine Bruchlandung zu vermeiden, nachdem man den Landeanflug völlig vergeigt hat. Es ist einfach zu spät, erst bei den größten Schocks wie einem Krieg oder Wetterextremen aufzuwachen und aktiv zu werden.

Die demokratischen Mühlen mahlen oft langsam. Das ist die Realität, in der wir leben. Lässt sich das mit dem Klimaschutz in Einklang bringen?
Nein, das ist nicht die Realität, in der wir leben. Wir schaffen diese Verhältnisse, wir gestalten unsere Gesellschaft. Die Realität ist die Physik. Die Realität ist der Klimawandel und die Umwelt, die jetzt verrücktspielt. Ob uns das gefällt oder nicht, ist maximal uninteressant für die Natur. Wir sind in einer Opfer-Täter-Doppelrolle – genau das verstehen wir oft nicht. Wenn die Mühlen also langsam mahlen, dann ist das falsch. Wenn es fünf bis zehn Jahre dauert, ein Windrad aufzustellen, dann ist das falsch. Dann müssen wir diese Verhältnisse ändern.
Die Realität ist der Klimawandel und die Umwelt, die jetzt verrücktspielt
Dennoch gibt es in der Demokratie immer die Notwendigkeit, politische Kompromisse zu finden …
Ich halte die Demokratie für die beste Staatsform, die es auf dieser Welt gibt. Ich kann nicht erkennen, dass sich Menschen in einer Diktatur wohler fühlen oder dort bessere Entscheidungen getroffen werden. Aber die Demokratie muss lernen, dass Behäbigkeit und Langsamkeit nicht ihr Kernbestandteil sein darf. Wenn ich nach Russland oder China schaue, will ich nicht tauschen.
Derzeit häufen sich auch die Waldbrände in Europa. Dadurch werden auch große Mengen an CO2 freigesetzt. Heizt das den Klimawandel im wahrsten Sinne des Wortes weiter an?
In der Physik bezeichnet man das als positive Rückkoppelung. Daran ist nichts positiv, sondern es geht um eine gleichgerichtete Entwicklung. Es wird zusätzlich CO2 freigesetzt, die Atmosphäre erwärmt sich weiter. Die menschengemachte Zerstörung kann zu kritischen Kipppunkten führen. Wenn der Amazonas-Regenwald zu einem Dreiviertel zerstört wird, hat er nicht mehr die Fähigkeit, den eigenen Wasserkreislauf aufrechtzuerhalten und als Regenwald fortzubestehen. Solche Kipppunkte drohen an immer mehr Stellen auf der Erde, etwa durch das Auftauen des Permafrostbodens oder eben auch durch Waldbrände.
Nicht nur im Mittelmeerraum, auch im Hochgebirge wird es immer wärmer. Wie sehr besorgen Sie Gletscherabgänge wie zuletzt in den Dolomiten?
Das macht mich sehr traurig, da kommen mir fast die Tränen. Ich habe die Hälfte meines Lebens in den Alpen verbracht. Sie sind mir sehr ans Herz gewachsen und um die Alpen geht es auch in meinem neuesten Buch, einem sehr persönlichen Buch. In den Alpen können wir unterschiedliche Klima- und Vegetationszonen sehr verdichtet beobachten. So werden auch die Veränderungen durch den Klimawandel unmittelbar sichtbar. Die Gletscher sind maßgeblich für unsere Wasserversorgung zuständig. Wenn es Ende des Jahrhunderts keine Gletscher mehr gibt, werden unsere Flusspegel viel instabiler sein, auch ein zeitweiliges Austrocknen ist viel leichter möglich. Ob Lech, Isar, Iller, Inn oder auch der Rhein. Er wird im Sommer zu 60 Prozent aus den Gletschern und den Regenfällen in den Alpen gespeist. Auch in den Alpen haben wir zuletzt Hitzewellen gesehen, die Gletscherabgänge sind eine Folge davon. Daran lässt sich in Sekundenschnelle beobachten, was noch auf uns zukommt. Das größte Problem des Klimawandels wird in einigen Jahrzehnten das Wasserproblem sein.
Wie geht ein Meteorologe eigentlich persönlich mit der zunehmenden Hitze um?
Ich gebe Zeitungsinterviews auf einem schattigen Balkon, trinke viel und versuche, nicht in der Mittagshitze wie ein Weltmeister zu joggen.

Wetterexperte und Autor
Wetterfachmann Sven Plöger ist Diplom-Meteorologe und einer der bekanntesten Wettermoderatoren Deutschlands. 1999 moderierte er das erste Mal „Das Wetter im Ersten“ in der ARD. In Talkshows und öffentlichen Auftritten appelliert und wirbt er regelmäßig für mehr Klimaschutz. Der gebürtige Bonner hat mehrere Sachbücher über das Wetter und Klima veröffentlicht. Sein jüngstes Buch „Die Alpen und wie sie unser Klima verändern“ hat er dem Gebirge gewidmet, in dem er als Naturbegeisterter viel unterwegs ist.

Zu Demaart
"Es ist zu spät weil wir zu lange auf den Schock gewartet haben" müsste es heissen. Massive Unterstützung für Wärmepumpen schon vor 20 Jahren und Ausbau und Entwicklung des Wasserstoffmotors ebenfalls vor 20 Jahren wären die Lösung gewesen,ebenfalls das AUS für Kohlekraftwerke statt für die AKW's und eine Einschränkung des Fleischkonsums auf die Hälfte (kein Verzicht) wären Alternativen gewesen. Alles gewußt,aber die Gier hat es verboten. Auf unseren Grabsteinen wird stehen: " Zuviel war nicht genug." oder für die die es nicht so tragisch sehen " Shit happens."