Mit dem 4. Mai gab die Regierung den Startschuss zur sogenannten „Phase 2“ der Bewältigung der aktuellen Corona-Krise. Die schrittweise Öffnung weiterer Lebensbereiche in Handel, Wirtschaft und Öffentlichkeit ist begleitet von vielen Sicherheitsmaßnahmen: Maskenpflicht, Abstände, begrenzte Sitzplätze in öffentlichen Verkehrsmitteln. 4,4 Millionen Italiener gehen wieder an ihre Arbeitsplätze. Doch der große Ansturm in die Öffentlichkeit blieb zunächst aus. Mailand meldete am Montagmorgen etwa 200 Reisende im Schnellzug nach Neapel. Menschen, die ihren Wohnsitz in Kalabrien und Apulien haben, wollten in die Heimat zurückkehren. Bislang war das Bewegen außerhalb einer Region strengstens untersagt, auch jetzt nach der Öffnung ist der Verkehr nur eingeschränkt möglich.
Transportministerin Paola De Micheli zeigte sich zuversichtlich. Nirgendwo habe es chaotische Verhältnisse im Verkehrswesen gegeben. Etwa 300.000 Italiener seien mit öffentlichen Mitteln zur Arbeit zurückgekehrt, viele hätten private Autos benutzt. In den Städten sei die Fortbewegung auf Fahrrädern deutlich gestiegen. Dies veranlasste die Ministerin, über einen Anschaffungsbonus für die Zweiräder nachzudenken: Mit bis zu 500 Euro sollte man die Anschaffung eines Fahrrades bezuschussen.
Mit Oma in den Park
Erleichtert sind die Menschen darüber, dass Verwandtschaftsbesuche wieder erlaubt sind. Treffen dürfen sich sowohl direkte als auch angeheiratete Familienangehörige. Besuche von Freunden sind nach wie vor ausgeschlossen. Doch vor allem die Omas und Opas freuen sich, wieder ihre Enkel sehen und sie zum Spielen in Parks begleiten zu dürfen. Kinderärzte raten dringend dazu, dass auch Kinder Mund-Nase-Masken tragen. Studien haben gezeigt, dass Kinder zwar kaum an Covid-19 erkranken, sehr wohl aber Überträger des Virus sein können. Damit, so die Pädiater, würden sie die Gesundheit der Großeltern gefährden.
Noch vor Tagen war die Piazzale Michelangelo menschenleer. Dort, wo sonst Tausende Touristen das Panorama von Florenz bewundern, bevor sie durch den anliegenden Park ans Arnoufer und ins Stadtzentrum gelangen, hielt sich seit Beginn der Ausgangssperren nahezu niemand mehr auf. Nun, nach Beginn der Phase 2, füllen sich Parkwege hier ebenso wie im Cascine-Park am Nordufer des Flusses. Jogger und Spaziergänger füllen die Wege. Denn auch sportliche Betätigungen im Freien sind wieder erlaubt, wenngleich auch nur einzeln oder auf dem Rad. Auch können etliche Geschäfte des Einzelhandels wieder ihre Ladentüren öffnen, der Zutritt ist jedoch ebenfalls noch eingeschränkt.

Ein seltsames Bild bietet sich dem Betrachter vor den Bars. Dort, wo man gewöhnlich den ersten Morgenkaffee zu sich nimmt, ist zwar wieder geöffnet, doch sowohl den Espresso oder Cappuccino am Morgen als auch den abendlichen Aperitif gibt es nur „außer Haus“ – maskenvermummte und Handschuhe tragende Gäste lassen das sonst so fröhliche Schwätzchen nicht aufkommen.
Die Zeit war reif für eine Lockerung der Verhältnisse. Zwar hatten die vor allem im Norden des Landes rasant ansteigenden Krankheits- und Todesfallzahlen die drastischen Einschränkungen gerechtfertigt, doch – so Psychologen und Mediziner – auch ihre Negativfolgen mit sich gebracht. Schlaflosigkeit und Ängste hätten sich in großem Maße ausgebreitet.
Angst bringt zu viele Kilo
Viele Italiener, so zeigte eine Studie der Universität Tor Vergata, haben den Stress mit Essen kompensiert: 48 Prozent, so eine Umfrage, hätten in den Zeiten des Lockdowns deutlich zugenommen. Neben Frustessen hätte vor allem der Bewegungsmangel für die zusätzlichen Kilo auf der Waage gesorgt. Die Mediziner hoffen, dass sich mit den jetzt erfolgenden Öffnungen auch das Wohlbefinden und die „bella figura“ nicht nur im übertragenen Sinne wieder einstellen.
Ministerpräsident Giuseppe Conte hat mit der Veröffentlichung seines aktuellen Maßnahmenkatalogs die Hoffnung geäußert, die italienische Gesellschaft werde sich von der gravierenden Situation langsam erholen. Conte war von verschiedenen politischen Seiten angegriffen worden, er messe sich mit den Ausnahmeregeln eine zu große Machtfülle bei. Hier scheinen jedoch eher die politischen Ambitionen von Lega-Chef Matteo Salvini bis zum Ex-Premier Matteo Renzi eine Rolle zu spielen.
Viele Wissenschaftler, die die Regierung bei ihrer Entscheidungsfindung auch berieten, sehen in der maßvollen Öffnung die einzige Option, ein neues Desaster zu vermeiden. Conte erklärte auch, dass man bei steigenden Infektionszahlen sofort zu den Einschränkungen der persönlichen Freiheiten zurückkehren werde. Wie die Öffnung der Phase 2 wirkt, werden die Statistiken erst in zwei Wochen zeigen.
Zu Demaart
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