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Europas tödlichste Straßen In Südosteuropa fordert der Autoverkehr einen besonders hohen Blutzoll

Europas tödlichste Straßen  / In Südosteuropa fordert der Autoverkehr einen besonders hohen Blutzoll
Ende November kam es in Bulgarien zum schlimmsten Busunglück der letzten 20 Jahre in Europa – 45 Mazedonier, darunter elf Kinder, verloren ihr Leben Foto: AFP/Nikolay Doychinov

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Schlecht gesicherte Fernstraßen, zu wenig Autobahnen, ein altersschwacher Fuhrpark und wahnwitzige Überholmanöver: Auch zu Corona-Zeiten führen die Balkanstaaten Europas tödliche Unfallstatistiken einsam an.

Die Rückkehr vom Wochenendausflug nach Istanbul endete auf Bulgariens berüchtigter „Struma“-Autobahn im Flammenmeer. 45 Mazedonier, darunter elf Kinder, verloren ihr Leben, als ihr Reisebus Ende November unweit von Pernik bei Regen und schlechten Sichtverhältnissen nachts in die Leitplanke krachte und in Sekundenschnelle ausbrannte.

Sie sei auch nicht glücklich über den Zustand der heimischen Straßen, kommentierte Bulgariens geschäftsführende Bauministerin Violeta Komitowa am vergangenen Wochenende hilflos den schwersten Busunfall in Europa in den letzten 20 Jahren. Doch „viele Faktoren“ hätten bei dem Unglück eine Rolle gespielt: „Solche Dinge können überall passieren. Ich verstehe nicht, warum der Staat für jede Katastrophe verantwortlich gemacht werden sollte.“

Doch auffällig ist der hohe Todeszoll, den der Straßenverkehr auch zu Zeiten der Pandemie auf dem Balkan fordert. Obwohl die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle in ganz Europa im letzten Jahrzehnt kräftig gesunken ist, liegt die Rückstandsregion zumindest bei den Todesstatistiken weiter vorn.

Traurige Spitzenreiter

In der EU wies Rumänien mit 85 Verkehrstoten pro einer Million Einwohnern laut Angaben von Eurostat 2020 erneut die höchste Opferrate auf – vor Lettland (74) und Bulgarien (67). Mit einer ähnlich schwarzen Bilanz warten die EU-Anwärter Montenegro (77), Serbien (71) sowie Bosnien und Herzegowina (69) auf, die das EU-Mittel (42) allesamt klar übertreffen.

Schlecht gesicherte Überlandstraßen, zu wenig Autobahnen, ein altersschwacher Fuhrpark und fahrlässige Fahrer – die Gründe für die Unfälle auf den tödlichen Balkanpisten sind vielfältig. Zu den mangelnden Mitteln gesellt sich oft die Plage der Korruption: Den Preis für schlecht fundierte Straßen, fahle Katzenaugen und mangelhafte Leitplanken haben die Reisenden zu bezahlen.

In Rumänien hat sich die Zahl der unbeleuchteten Pferdefuhrwerke, die für Kraftfahrer nach Einbruch der Dunkelheit lange ein lebensgefährliches Risiko darstellten, zwar drastisch reduziert. Doch noch immer sind vor allem in der Provinz viele Straßen unzureichend mit Leitplanken gesichert und von Schlaglöchern übersät. Das schlecht ausgebaute Autobahnnetz macht Überlandfahrten im Karpatenstaat nicht nur zu einer zeitraubenden, sondern auch riskanten Mission: Wahnwitzige Überholmanöver, mit denen endlose LKW-Kolonnen umkurvt werden, sind häufig die Ursache für schwere Unfälle.

Die Gründe sind bekannt

Schlecht markierte Straßen, aber auch den leichtsinnigen Gebrauch von Mobiltelefonen in voller Fahrt nennt Bulgariens staatliche Agentur für Verkehrssicherheit Hauptgründe für die hohe Zahl tödlicher Unfälle. Auch auf dem Westbalkan kommen zum holprigen Asphalt oft enge Schluchten hinzu: Überhöhte Geschwindigkeit hat in Montenegros kurvenreichen Moraca-Canyon schon zahlreiche Reisende in die Tiefe rauschen lassen. In Kroatien wiederum hat sich ausgerechnet die flunderflache Autobahn durch Slawonien als Todesfalle einen traurigen Namen gemacht: Vor allem bei eintönigen Nachtfahrten geraten eingenickte Fahrer regelmäßig von der Fahrbahn ab.

Die Region sei voller „schwarzer Punkte“, berichtet resigniert die serbische Zeitung Blic über die „Balkan-Straßen des Todes“: „Und am schlimmsten ist die Situation in Bosnien.“ Tatsächlich gelten die kurvenreichen Fernstraßen durch die engen Täler, Tunnels und über die steilen Anstiege des bergreichen Vielvölkerstaats genauso als Gefahrenherd wie die mangelhafte Beschilderung, fehlende Leitplanken und die altersschwachen Vehikel oft risikofreudiger Raser.

Doch nicht nur auf Bosniens stark befahrenen Fernstraßen zwischen Sarajevo und Mostar, Banja Luka und Jajce oder zwischen Zenica und Maglaj kracht es auffallend oft. In Serbien gilt vor allem die „Ibarska magistrala“ von Belgrad nach Cacak als tückische Todesfalle. In Kroatien hatte vor einigen Jahren die „Jadranska magistrala“, die Überlandstraße entlang der Adria-Küste, selbst die Aufnahme in die Liste der 15 gefährlichsten Straßen der Welt geschafft.

Auch auf Bulgariens „Struma-Autobahn“ kam es seit der Eröffnung 2002 regelmäßig zu tödlichen Unfällen. Eine zu geringe Zahl von Warnschildern und kaum mehr leuchtende Reflektoren beklagen Fachleute schon seit Jahren. Vor allem bei schlechten Witterungsverhältnissen drohten Fahrer in der Dunkelheit die Orientierung zu verlieren, so Dijana Rusinowa vom Europäischen Zentrum für Transportpolitik: „Auf diesem Teilstück ist es wie in der Wüste. Bei Regen und Nebel weiß der Fahrer nicht mehr, wo er ist.“