Eine Geschichte, die viele russische Eltern auch heute noch ihren Kindern erzählen dürften, geht so: Es gibt da ein Land, das schön ist und bunt, mit fröhlichen Mädchen und Jungen. Sie sind hilfsbereit und gut in der Schule, sie essen mit den Alten und spielen mit den Kleinen, sie sammeln Müll im Wald und singen Lieder am Lagerfeuer. Es ist ein Land voller Legenden über Stürme und Feuer und Kämpfe. Es nennt sich „Pionierien“, das Land der Pioniere.
Es ist eine Geschichte voller Mythen und voller Nostalgie an ihre eigene Zeit bei den Pionieren, als sie, meist mit zehn, den Eid auf Wladimir Iljitsch Lenin, den großen sowjetischen Revolutionär, schworen, sich voller Stolz ein rotes seidenes Tuch um den Hals binden durften und dazugehörten – auf dem vorgezeichneten Weg im Dienste der kommunistischen Heimat.
Als die Sowjetunion zerbrach, zerbrachen auch ihre Jugendorganisationen. Die Pioniere waren zwar geblieben, führten all die Jahre aber ein Nischendasein. Sie waren eine Organisation unter vielen. Vorgestrig, getränkt mit viel Sehnsucht der Erwachsenen nach klaren Vorgaben. Viele in Russland haben sie in den vergangenen Jahren belächelt oder ganz vergessen.
Jetzt soll wieder eine einzige landesweite Kinder- und Jugendorganisation entstehen. Die Gesetzesvorlage dafür passierte am Mittwoch problemlos die erste Lesung, bis zum Schuljahresanfang im September dürfte das Gesetz durch sein, alle fünf Parteien in der Duma sprechen sich teils begeistert dafür aus. Die Kinder sollen schließlich im „richtigen patriotischen Geist erzogen werden“, wie es im Dokument heißt. Die Umformung der russischen Gesellschaft schreitet voran, bereits Kindern ab sechs Jahren soll klar gemacht werden, dass das Abweichen vom „richtigen Weg“ nicht zu seinem Wohl führe. Es ist das Vaterland, das zählt. Die Jungen sollen es für zukünftige Generationen „bewahren“ – im Sinne des heutigen politischen Systems im Land.
Die neuen Pioniere sollen den Namen „Die große Pause“ tragen, wobei das russische Wort für „Pause“ (peremena) auch mit „Wandel“ übersetzt werden kann. Der russische „Wandel“ ist patriotischer Natur. An der Spitze der Organisation stünde der russische Präsident Wladimir Putin. Jedes Dorf, jede Schule soll eine Abteilung der „Großen Pause“ schaffen, die Gruppenleiter bestimmt der Präsident. Sie sind mit für die „Erziehung und Freizeitgestaltung“ der Kinder zuständig, die Bildung dieser soll auf der Grundlage „traditioneller russischer Werte für Geist und Moral“ erfolgen.
Kindergartenkinder stehen Soldaten bei
Letztlich ändert der Plan, eine neue, landesweite Jugendorganisation zu schaffen, wenig an der bereits vorhandenen starken Indoktrinierung der Kinder in Russland. Er manifestiert diese lediglich in gesetzlich verankerten Strukturen. Der Patriotismus-Unterricht ist seit Jahren Pflicht an staatlichen Schulen, Kadettenklassen, in denen Jungen wie Mädchen den Gleichschritt üben wie auch das schnelle Auseinandernehmen und Zusammensetzen von Kalaschnikow-Gewehren, erfreuen sich vor allem bei Eltern aus Sicherheitsorganen, auch in Metropolen, großer Beliebtheit. Gleich nach dem Überfall der Ukraine, den Russland offiziell „militärische Spezialoperation“ nennt, verteilte das russische Bildungsministerium Handbücher an Lehrer mit Erklärungen, wie sie mit ihren Schülern über die „Ereignisse in der Ukraine“ zu sprechen hätten. Der Staat zwang die Schulen dazu, Berichte und Fotos der Unterstützung der „Spezialoperation“ offenzulegen. Selbst Kindergartenkinder sollten sich in Z-Formationen aufstellen und so den russischen Soldaten beistehen. Manche Schulen stellen – auf die Initiative der Regierungspartei „Einiges Russland“ – sogenannte „Helden-Schulbänke“ auf. Diese sollen an die gefallenen Soldaten in der Ukraine erinnern. Nur Musterschüler dürfen an solch einer „Ehrenbank“ Platz nehmen.
Ab dem 1. September müssen die Kinder an jeder staatlichen russischen Schule einmal in der Woche die russische Hymne singen und die russische Flagge hissen. Zudem soll Geschichtsunterricht bereits ab der ersten Klasse Pflicht werden, nicht erst ab der fünften. Die staatlich vorgegebene Sicht auf Geschichte ist so, wie der Oberhistoriker des Landes, der Präsident, diese sieht: Russland als ein Land, das fremde Mächte durch Jahrhunderte hinweg zu knechten versucht hätten, und das sich stets für seine Einzigartigkeit mit allen Mitteln zur Wehr gesetzt habe. Es ist eine politisierte Geschichte, die zu hinterfragen strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen kann.
Zwar ist das russische Schulgesetz sehr frei, sodass jeder Lehrer und jede Lehrerin das Unterrichtsprogramm selbst bestimmen dürfen. Doch viele Lehrer begreifen sich als loyale Staatsdiener, deren Aufgabe es sei, die Politik des Staates in die Klassenzimmer zu tragen, auch wenn staatliche Propaganda in den Schulen gesetzlich verboten ist. „Die große Pause“ mit all ihren Ebenen greift noch mehr ins Schulleben hinein.
Von oben geregelte Bewegung von unten
Die Organisation soll freiwillig sein, der gesellschaftliche Druck auf die Menschen, zumal, wenn es um ihre Kinder geht, ist allerdings enorm. Auch die Pioniere waren formal gesehen freiwillig und doch ein fester Bestandteil des sowjetischen Bildungssystems, das den Weg jedes sowjetischen Bürgers sehr genau vorgab: vom „Oktoberkind“ in der Grundschule über den Pionier ab neun Jahren bis hin zum Komsomolzen und schließlich zum Parteimitglied. Nur die Loyalsten kamen weiter. Die Pioniere waren eine Parteistruktur und der kommunistischen Ideologie von der „hellen Zukunft“ verpflichtet.
Den neuen Pionieren sprechen die Unterstützer jegliche Ideologie ab und verkaufen die Jugendorganisation als eine Bewegung von unten. Gleichzeitig sind die Strukturen der „Großen Pause“ bis ins Detail von oben geregelt. Es sei eine „Imitation von Wahl und Freiheit der Jugend“, sagt der Soziologe Daniil Alexandrow von der Higher School of Economics in Sankt Petersburg. Das Land brauche keine weitere Bürokratisierung samt Gleichschritt und bestimmten Losungen. Das Land brauche vor allem in der Provinz Organisationen für Kinder und Jugendliche, wo diese sich selbst entfalten könnten. Entfaltung aber ist in Russland dieser Tage fast nur noch gestattet, wenn sie im Sinne des Kremls geschieht.
Zu Demaart
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