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Mythos in der hiesigen GedenkkulturHatten die Nazis die Auslöschung des Luxemburger Volkes geplant?

Mythos in der hiesigen Gedenkkultur / Hatten die Nazis die Auslöschung des Luxemburger Volkes geplant?
Gauleiter Simon bei seiner Ankunft für eine „Großkundgebung“ in den Limpertsberger Ausstellungshallen Foto: Photothèque de la Ville de Luxembourg

Am 10. Oktober 1941 organisierte die deutsche Besatzungsmacht in Luxemburg eine Personenstandsaufnahme mit zusätzlichen Fragen über das „Volkstum“. Eigentlich wollte der Chef der deutschen Zivilverwaltung (CdZ), Gauleiter Simon, über diese Erhebung aus den Luxemburgern ein klares Bekenntnis zum Deutschtum herauspressen. Die Resistenzorganisationen machten ihm anhand einer Fälschung einen Strich durch die Rechnung. Dabei legten sie den Grundstein für einen Mythos, der bis heute nachwirkt.

Um die in diesem Beitrag offengelegten Fakten besser einordnen zu können, erachtet der Verfasser es als notwendig, sich eingangs mit den Besonderheiten der nationalsozialistischen Ideologie, also mit dem, was in Luxemburg „Nazismus“ (fr.: „nazisme“) genannt wird, auseinanderzusetzen. In Luxemburg sind nämlich die Nachkriegserzählungen unterschiedlicher Opfergruppen durch eine bewusste oder unbewusste Benutzung falscher Begriffe gekennzeichnet, die zu einer ungerechtfertigten Gleichschaltung der verschiedensten Opfergruppen führen kann. Nicht alle Opfer NS-Deutschlands waren Kriegsopfer, nicht alle Opfer NS-Deutschlands waren Opfer des Nazismus.

Dass die Luxemburger als „reindeutschen Stammes“ betrachtet wurden, war keine Erfindung der Nazis.[1] Dass die germanisch-arische Rasse zur Führung der Welt bestimmt sei, also die höchste aller Rassen verkörpere, war auch keine Erfindung der Nazis.[2] Dass die Luxemburger deshalb de facto zur „deutsch-arischen Herrenrasse“ gezählt wurden, war also auch keine Erfindung der Nazis. Und dass Luxemburg aufgrund seiner angenommenen Zugehörigkeit zur deutschen Volksgemeinschaft zu gegebenem Zeitpunkt in das Deutsche Reich eingegliedert werden „müsste“, war auch keine Erfindung der Nazis.[3] All diese Ideen entstanden im 19. Jahrhundert, als die Ideologie des Nationalismus mit der pseudowissenschaftlichen Ideologie der Rassentheorie verknüpft wurde, aus der dann das Konzept des im Kern ausgrenzenden völkischen Nationalstaats entstand.

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forumpost
18. April 2023 - 9.54

Ich finde es gut, wenn Dinge klargestellt werden. Als heute 70jährige Tochter eines Zwangsrekrutierten möchte ich allerdings auch darauf hinweisen, dass diese sich ihre Entscheidung nicht leichtgemacht haben. Mein Vater hat mir erzählt, dass er eine Zeitlang auch daran gedacht habe, zu fliehen und sich der Resistenz anzuschliessen, dann aber nicht riskieren wollte, dass seine Eltern und seine Schwester deshalb deportiert werden würden. So kämpfte er also widerwillig auf Seiten der Besatzer und verlor im Russlandfeldzug seine rechte Hand. Ich denke, ein solches Schicksal bei einem knapp 20jährigen berechtigt sehr wohl dazu, sich als Opfer zu bezeichnen.