„Dort, wo Karabiner und Heugabeln lagen, wurde nun ein Brot hingetan, wurden Hände ausgestreckt, um zu helfen“, sagt Andrzej Duda. Polens Staatspräsident legte am Montag in Warschau auf dem symbolischen Friedhof für die Opfer des Massakers von Wolhynien einen Kranz nieder. Der 79. Jahrestag der blutigen Kämpfe zwischen Ukrainern und Polen von 1943/44 im Grenzgebiet fällt dieses Jahr in eine besonders schwierige Zeit. Vor über vier Monaten wurde das östliche Nachbarland Polens von Russland angegriffen. Polen hat seitdem über drei Millionen ukrainische Flüchtlinge aufgenommen, und es ist nach den USA und Großbritannien der drittgrößte Waffenlieferant in die Ukraine.
Für den Jahrestag des Wolhynien-Massakers waren deshalb russische Raketenangriffe in Grenznähe erwartet worden, aber auch Aktionen im Internet. Denn Russland liegt viel daran, die polnisch-ukrainische Solidarität zu stören. Und das Wolhynien-Massaker von 1943 eignet sich dazu wie kein zweites historisches Ereignis.
Am „Blutsonntag“ vom 11. Juni 1943 waren bei der heutigen ukrainischen Gebietshauptstadt Lutzk über 100 mehrheitlich von Polen bewohnte Dörfer von Nationalisten der „Ukrainschen Aufständischenarmee“ (UPA) überfallen und Tausende mehrheitlich wehrlose Zivilisten ermordet worden. In der fast zwei Jahre dauernden Auseindersetzung wurden laut unterschiedlichen Schätzungen 50.000 bis 100.000 Polen und bei Vergeltungsmaßnahmen der „Polnischen Heimatarmee“ (AK) 3.000 bis 15.000 Ukrainer teils äußerst brutal ermordet. Viele von ihnen wurden mit Heugabeln und Messern zu Tode gefoltert.
Opferzahlen und Hergang der Massaker sind bis heute unter Historikern beider Länder umstritten. Einigkeit herrscht einzig darüber, dass die deutschen Besatzer beider Länder dem Treiben der UPA wohlwollend zusahen. Dies, obwohl deren Gründer, Stepan Bandera (1909-59), 1941 von den Nazis verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht worden war.
Putins Krieg fördert Versöhnung zwischen Polen und Ukraine
Duda forderte am Montag in Warschau beide Seiten des Streits dazu auf, nicht gegenseitig Opferzahlen aufzurechnen. „Ich würde es bevorzugen, wenn wir uns statt über Zahlen über die Wahrheit reden würden, dass wir uns in Scham übertreffen würden, und darauf etwas Neues bauen“, sagte Duda, der in Polen als großer Freund der Ukraine gilt. Lachender Dritter solcher Streitereien sei nur der Kreml, warnte Duda. Ein Streit über die Opferzahlen von Wolhynien hatte auch zur Abberufung des streitbaren ukrainischen Botschafters in Berlin, Andrei Melnyk, beigetragen. Manche Beobachter vermuten darin gar eine Referenz des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj an Warschau.
Doch am Aufrechnen und der Klassifizierung von Opfern beteiligt waren in der Vergangenheit beide Parlamente: Im Jahre 2013 hatte der Sejm die Massaker von Wolhynien als „ethnische Säuberung mit Merkmalen eines Völkermordes“ verurteilt; drei Jahre später – nachdem die rechtspopulistische Kaczynski-Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) die Wahlen gewonnen hatte – war in einem Parlamentsbeschluss bereits nur noch von „Völkermord“ die Rede. Auch Kiew goss unnötig Öl ins Feuer, als die Werchowna Rada, das ukrainische Einkammerparlament, im April 2015 die UPA-Mitglieder pauschal offiziell zu Unabhängigkeitskämpfern erklärte.
Gleichzeitig setzten jedoch die Staatspräsidenten Polens und der Ukraine in den letzten 20 Jahren immer wieder auf Versöhnung. 2003 erklärten die damaligen Präsidenten Leonid Kutschma (Ukraine) und Alexander Kwasniewski (Polen) im wolhynischen Dorf Pawliwka den Streit für beendet und appellierten zur Versöhnung. Eine gemeinsame Historiker-Kommission wurde eingesetzt, die sich allerdings seit dem PiS-Wahlsieg 2015 immer seltener getroffen hat.
Stattdessen hat Putin mit seinem Entscheid einer Ukraine-Invasion eine nie gesehene Solidaritätswelle in den beiden Ländern mit ihrer tragischen Geschichte ausgelöst. Hunderttausende Ukrainer wurden in Polen mit offenen Armen empfangen, auch in jenen Gebieten, in denen die Massaker von 1943 stattgefunden hatten. In der Ukraine arbeitende polnische Journalisten wiederum berichten immer wieder von spontanen Einladungen im Kriegsgebiet, von großer Hilfsbereitschaft der Ukrainer. Laut polnischen Medienberichten wollte Selenskyj am Montag in seiner allabendlichen Ansprache über das Wolhynien-Massaker sprechen und zur polnisch-ukrainischen Versöhnung aufrufen.
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