Wenn ich die gegenwärtige Debattenkultur betrachte, fällt mir am meisten diese grassierende Ungenauigkeit im Umgang mit der Sprache auf. Was heißt es, die „irreguläre Migration“ zu kritisieren? Und was bedeutet ein Aufruf zu „Friedensverhandlungen“ zwischen der Ukraine und Russland? Mit welchem Ziel? Zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Vorbedingungen? Sehr vieles bleibt unklar. Sogar die Hauptthesen kranken an großer Ungenauigkeit. Für den Erfolg des Verstehensprozesses ist jedoch kaum etwas wichtiger als die ständige Anstrengung um die Genauigkeit des Ausdrucks und die Vermeidung von Mehrdeutigkeiten. Grobe Ungenauigkeit lädt Missverständnisse ein, und wer verstanden werden will, muss sich daher um Genauigkeit bemühen. Dabei gilt es, sich in andere hineinzuversetzen, um deren informationelle Situation zu erspüren und dann entsprechende Hinweise einzubringen. Das zählte mal zum Handwerk der Hermeneutik. Und es ist eine entscheidende Voraussetzung für jede kritisch-rationale Argumentation in der Öffentlichkeit.
Die Tendenz zur Ungenauigkeit ist nun bestimmt nicht vom Himmel gefallen. Man könnte einen ordentlichen strukturellen Beitrag im Wechsel von der bisherigen Textkultur zur webbasierten digitalen Kommunikation sehen. Wer seine „Botschaft“ in maximal 280 Zeichen und oft in äußerst knapp bemessenen Zeitfenstern ausdrücken muss, hat kaum eine Chance auf Genauigkeit. Das SMS-„Texten“ und ähnliche digitale Textformate sind strukturell nicht auf eine gesteigerte Aufmerksamkeit bezüglich Eindeutigkeit und Verständlichkeit des eigenen Geschriebenen ausgerichtet. Ganz im Gegenteil befördert die Struktur dieser digitalen Kommunikationsformen die Tendenz zur schlagwortartigen Grobformulierung. Man wird eben eher dazu animiert, etwas im Stil von Elon Musk „rauszuhauen“, als genaue Aussagen zu formulieren. Die Einbettung der Kurzkommunikation in den allgemeinen Kampf um Aufmerksamkeit trägt das ihre dazu bei, das Ganze noch zu verstärken.
"Genauigkeit muss kultiviert werden." Leider haben die meisten keine Zeit dazu. Gilt an erster Stelle für so manche Politiker.
Vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel. Hier im Lande schlagen wir uns ja auch noch mit mindestens drei verschiedenen Sprachen herum. Das finde ich eigentlich sehr gut, aber es steht der Genauigkeit doch oftmals im Wege.