Ihren letzten Tweet setzte die Journalistin am 12. August ab. Seitdem ist das Social-Media-Profil von Cheng Lei unangetastet. Zwei Tage später wurde die australische Journalistin, die in China für einen staatlich kontrollierten Sender arbeitete, von den chinesischen Behörden festgenommen. Dies bestätigte die australische Außenministerin Marise Payne nun Anfang dieser Woche und sagte, ein konsularischer Besuch habe Ende August per Videolink stattgefunden.
Was Cheng Lei genau vorgeworfen wird, ist nicht bekannt. Studiert man jedoch ihre Profile auf Twitter und Facebook, so fallen immer wieder regierungskritische Aussagen auf. Vor allem zu Beginn der Corona-Krise führte die Journalistin auf Facebook eine Art Online-Tagebuch, in dem sie das Leben vor Ort in China während der Pandemie dokumentierte.
So schrieb sie am 8. März über die Situation in Wuhan: „Neun Millionen Menschen, die über einen Monat lang in einer Geisterstadt festsaßen, Ärzte und Krankenschwestern, die infiziert wurden und starben, nachdem ihnen gesagt wurde, es gebe ‚keine Übertragung von Mensch zu Mensch‘, und sie deswegen keinen angemessenen Schutz hatten, über 3.000 Familien, die sich nicht richtig verabschieden konnten von ihren Liebsten, Leichen, die sofort eingeäschert und deren Handys im Leichenschauhaus verstreut wurden.“ Danach klagte sie an: „Und anstatt dass Beamte beschämt den Kopf hängen lassen, bitten sie die Einheimischen hier auch noch, ‚dankbar‘ zu sein.“
Eindrücke aus der „Geisterstadt“
Am 27. Februar schilderte einer ihrer Einträge die investigativen Artikel von Kollegen, die aufgezeigt hätten, wie die ersten Gruppen mit medizinischen Experten von lokalen Regierungsbeamten belogen worden seien („es gibt keine Infektionen von Gesundheitspersonal“). Ein weiterer Bericht habe sich mit der genetischen Sequenzierung von Viren befasst – etwas, das im Dezember bekannt gewesen, aber „durch Gag-Befehle der Regierung“ vertuscht worden sei. Es sei schrecklich, zu erkennen, „wie diese Tragödie vom Menschen verursacht wird“, schrieb sie weiter.
Cheng Lei berichtete in ihren Posts auch Persönliches – wie sie Geld für die „Frontline“ sammelte und plötzlich die Schulnoten ihrer Kinder in den Hintergrund traten. „Wenn diese Episode Kindern etwas beibringt, sollte dies die Wichtigkeit von Gesundheit und Ehrlichkeit sein.“ Immer wieder rätselte sie auch über die Ursprünge des Virus. „Weitere Fragen zu Patient Null, nachdem Wuhans Institut für Virologie Berichte abgelehnt hatte, wonach es sich um Huang Yanling handelt, einen Doktoranden.“ Es sei immer noch unklar, wie das Virus entstanden sei.
Und sie gab Einzelschicksalen Raum, wie dem des 56-jährigen Filmregisseurs Chang Kai, der in 17 Tagen seine Eltern, dann seine Frau und sein eigenes Leben verloren hat. Chang Kai hatte Krankenhäuser noch gebeten, seinen Vater aufzunehmen, der als Erster krank wurde, doch es habe keine Betten gegeben. Zu Hause zu bleiben, habe sie dann alle infiziert. „Die Größe Chinas bedeutet, dass es ein riesiges Sieb ist, durch das persönliche Tragödien fallen, aber dennoch fühlt sich die Realität manchmal wie ein Zeitlupen-Horrorfilm an“, schrieb die Journalistin. Ihre Facebook-Einträge enden am 30. März. Seitdem hat die Journalistin nur noch über Twitter gepostet – deutlich weniger kritische Themen. Auf der Webseite ihres bisherigen Arbeitgebers CGTN sind das Profil der Moderatorin sowie alte Videos ihrer Geschichten inzwischen gelöscht. Sucht man ihren Namen, so werden die Videos zwar noch angezeigt, klickt man jedoch weiter, heißt es, die Seite werde nicht mehr gefunden.
Chinesisch-australisches Verhältnis schwer belastet
Freunde und Familie konnten die Journalistin, die in China geboren wurde, aber australische Staatsbürgerin ist, laut dem staatlichen australischen Sender ABC bisher nicht direkt kontaktieren. Ihre zwei Kinder halten sich derzeit in Melbourne auf. Bill Birtles, der China-Korrespondent des staatlichen australischen Senders ABC, erklärte, dass die Festnahme der Journalistin, die neun Jahre lang auch China-Korrespondentin des US-Senders CNBC war, einer Inhaftierung gleichkomme. Die Ermittler würden Cheng Lei von der Außenwelt fernhalten und sie befragen, bevor sie sie offiziell verhaften oder anklagen. Offensichtlich kann die Journalistin bis zu sechs Monate ohne Zugang zu Anwälten festgehalten werden.
Die Festnahme der Journalistin belastet das Verhältnis zwischen Canberra und Peking weiter, das sich seit Monaten auf einem historischen Tiefpunkt befindet. Nachdem die australische Regierung eine unabhängige Untersuchung des Ursprungs der Pandemie gefordert hat, hat China mit harten Maßnahmen reagiert. So warnt die Regierung ihre Bürger inzwischen vor Reisen nach Australien und rät von einem Studium an australischen Universitäten ab. Nach diplomatischen Wortgefechten haben die Chinesen auch mit wirtschaftlichen Repressionen reagiert, hohe Tarife auf australische Gerste erhoben sowie den Import von Rindfleisch aus mehreren australischen Schlachthöfen untersagt.
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