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GroßbritannienEin Job, viele Kandidaten – wer löst Johnson in der Downing Street ab?

Großbritannien / Ein Job, viele Kandidaten – wer löst Johnson in der Downing Street ab?
Ziel Downing Street: Die durchtriebene, stets auf den eigenen Vorteil bedachte Wählerschaft der Tories wird von sieben Männern und vier Frauen umworben Foto: AFP/Carlos Jasso

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Viele sind Millionäre, sechs gehören ethnischen Minderheiten an. Wer folgt Johnson und wird britischer Premier? Bald wird sich das Bewerberfeld lichten.

Zum dritten Mal binnen sechs Jahren unterhält die konservative Regierungspartei Großbritannien und die Welt mit einem besonderen Spektakel: 358 Tory-Abgeordnete entscheiden darüber, welche Mitglieder ihrer Unterhausfraktion am besten zur Nachfolge von Premier Boris Johnson geeignet sind. Die durchtriebene, stets auf den eigenen Vorteil bedachte Wählerschaft wird von sieben Männern und vier Frauen umworben (Stand Montagmittag).

Dazu gehören frühere oder amtierende Kabinettsmitglieder wie Finanzchef Nadhim Zahawi und dessen zwei Vorgänger, allesamt Millionäre und allesamt von Fragen nach ihren bestenfalls unklaren Steuerverhältnissen verfolgt. Sechs gehören ethnischen Minderheiten an. Im Mittelpunkt der Diskussion steht die prekäre Wirtschaftslage. Da sei, spottet Labour-Oppositionsführer Keir Starmer angesichts sich überbietender Steuersenkungsideen, „ein Wettrüsten der abstrusesten ökonomischen Vorschläge“ im Gange.

Spätestens am Mittwoch, beim ersten Wahlgang, wird sich das Feld lichten, in zehn Tagen soll das Duo feststehen, das sich den 200.000 Mitgliedern zur Urwahl stellt. Wir stellen die vier interessantesten Kandidaten im Kurzporträt vor.


Rishi Sunak baut auf seine Erfolge in der Pandemie
Rishi Sunak baut auf seine Erfolge in der Pandemie Foto: dpa/Justin Tallis

Dass Rishi Sunak zu Wochenbeginn der Favorit war, bewiesen die Angriffe vieler seiner Gegner auf den Sohn indischer Einwanderer, dessen Rücktritt als Finanzminister vergangenen Dienstag Boris Johnsons Abgang mitauslöste. Der unverhofft vor zweieinhalb Jahren im zarten Alter von 39 Jahren ins wichtige Amt Gekommene hat seinen Ruf durch rasche Hilfe für Arbeitnehmer und Selbstständige in der Corona-Pandemie gefestigt.

Gefährlich werden könnten dem früheren Investmentbanker die engen Verbindungen seines Milliarden-schweren Schwiegervaters zur indischen Nationalistenregierung unter Narendra Modi sowie ungeklärte Fragen zum eigenen Steuergebaren sowie seiner US Green Card, die er noch als Kabinettsmitglied innehatte. Den Forderungen vieler Konservativer nach raschen Steuersenkungen begegnet Sunak mit einer Warnung: „Die Leute sollten nicht an Märchen glauben.“


Liz Truss baut auf die Brexit-Hardliner
Liz Truss baut auf die Brexit-Hardliner Foto: AFP/Daniel Leal

Zu den begeisterten Steuersenkern zählt Außenministerin Liz Truss. Am Kabinettstisch trug sie eine Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge sowie schrittweise Anstiege der Unternehmenssteuer auf 25 Prozent mit. Davon will die hochehrgeizige 46-Jährige nichts mehr wissen: „Steuererhöhungen sind zum jetzigen Zeitpunkt falsch.“

Wen die dadurch nötigen Kürzungen staatlicher Leistungen treffen sollen, lässt die einstige Liberaldemokratin offen. 2016 wollte sie den EU-Verbleib, seither profiliert sich Truss als begeisterte Brexit-Propagandistin und Hardlinerin gegen Brüssel im Streit um Nordirland. Früh hat sie sich als würdige Nachfolgerin der Tory-Legende Maggie Thatcher, Premier von 1979 bis 1990, positioniert. Gefahr könnte Truss von Rechtsaußen erwachsen, sollte Innenministerin Priti Patel noch ihren Hut in den Ring werfen.


Tom Tugendhat baut auf loyale Unterstützer
Tom Tugendhat baut auf loyale Unterstützer Foto: AFP/Carlos Jasso

Für den Oberstleutnant der Reserve Tom Tugendhat spricht seine internationale Erfahrung und seine klare Position gegen Boris Johnsons Chaosregime. Gegen den Chef des auswärtigen Ausschusses spricht die fehlende Kabinettserfahrung, vor allem aber seine Position im linken Zentrum einer stark nach rechts gerückten Partei.

Zudem ist der Katholik mit jüdisch-österreichischen Wurzeln, dessen Onkel einst Vizepräsident der EWG-Kommission war, den Brexiteers ein Dorn im Auge. Der 49-Jährige hat seit Monaten seine Bewerbung vorangetrieben und kann auf loyale Unterstützer bauen. Um die Partei-Rechte zu überzeugen, befürwortet auch Tugendhat Steuersenkungen, darunter eine Reduzierung der Mineralölsteuer.


Penny Mordaunt baut auf ihre Verbindung zum Militär
Penny Mordaunt baut auf ihre Verbindung zum Militär Foto: AFP/Isabel Infantes

Auf ihre Verbindung zum Militär baut auch die Kurzzeit-Verteidigungsministerin und Navy-Reservistin Penny Mordaunt. Ihren Rausschmiss aus dem Kabinett durch Boris Johnson nahm sie klaglos hin, diente geräuschlos als Handelsstaatssekretärin und sammelte Anhänger in der Fraktion. In Zukunft müsse das Staatswohl im Vordergrund stehen, weniger die Bedürfnisse des Premierministers, fordert die 49-Jährige, positioniert sich also als Verfechterin größerer persönlicher Integrität.

Freilich musste ihr Bewerbungsvideo massiv umgeschnitten werden, weil darin enthaltene Prominente gegen ihre unerlaubte Vereinnahmung durch die Abgeordnete der Hafenstadt Portsmouth protestierten. Zur Entlastung der Briten will sie die Mehrwertsteuer auf Öl und Gas um die Hälfte senken.