Freitag16. Januar 2026

Demaart Zu Demaart

Headlines

AnalyseDie Sorge vor einem Ukraine-Szenario in Bosnien

Analyse / Die Sorge vor einem Ukraine-Szenario in Bosnien
Enge Bande nach Moskau: Russlands Außenminister Sergej Lawrow mit Milorad Dodik, dem bosnischen Serbenführer im Dezember 2020 Foto: AFP/Elvis Barukcic

Jetzt weiterlesen !

Für 0,99 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Oder schließen Sie ein Abo ab.

ZU DEN ABOS

Sie sind bereits Kunde?

Auch 30 Jahre nach Ausbruch des Bosnienkriegs lebt die Politikerkaste des Vielvölkerstaats von bewusst geschürten Spannungen – und Kriegsängsten. Doch trotz der Moskau-Bande von Serbenführer Milorad Dodik ist das blutige Ukraine-Szenario eines erneuten Waffengangs kaum zu erwarten.

Aufgeregt lassen die einstigen „Hohen Repräsentanten“ der Internationalen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina die Alarmglocken klingeln. „Wir fürchten, dass sich die Aggression gegen die Ukraine auf den Westbalkan ausweiten könnten“, warnten Christian Schwarz-Schilling und Valentin Inzko zu Monatsbeginn in einem dramatischen Appell an die EU und die NATO: „Niemand weiß, was Putins Ziele sind. Deshalb bitten wir Sie, alles zu tun, um Bosnien und Herzegowina zu schützen.“

Mit den engen Kreml-Banden des serbischen Bosnienführers Milorad Dodik und von Serbiens Präsident Aleksandar Vucic begründen die Ex-Diplomaten ihre Sorge, dass Moskau die Sezessionsgelüste des Teilstaats der Republika Srpska dazu nutzen könnte, einen Konflikt im EU-Vorhof vom Zaun zu brechen. Tatsächlich rufen die Kriegsbilder aus der Ukraine bei vielen Zeitzeugen ungute Erinnerungen wach: Bei dem vor 30 Jahren begonnenen Bosnienkrieg (1992-1995) verloren fast 100.000 Menschen ihr Leben – und wurde mit mehr als zwei Millionen Flüchtlingen über die Hälfte der Bevölkerung vertrieben.

Dauerkrise als Mittel zum Machterhalt

Bosniens Dauerkrise als Mittel zum Machterhalt: Auch drei Jahrzehnte nach Kriegsbeginn lebt Bosniens Politikerkaste von gezielt aufgewärmten Spannungen – und Kriegsängsten. Korruption, Emigration, Rechts- und Perspektivlosigkeit sind die wahren Probleme, die die Bewohner des zerrissenen Vielvölkerstaats eigentlich einen. Doch vor jedem Urnengang köcheln Bosniens Ränkeschmiede alte Vorbehalte und nationalistische Töne neu auf – der Serbe Dodik ist keineswegs ein Einzelfall. Das Ziel: in der Not sollen sich die verschreckten Wahlschäflein um die vertrauten Vormänner scharen.

Mit den nahenden Parlaments-, Teilstaats- und Präsidentschaftswahlen im Herbst sind auch die vermehrten Sezessionsdrohungen zu erklären, mit denen Dodik seine Landsleute und die internationale Gemeinschaft seit Monaten auf Trab hält. Zusätzliche Nahrung erhalten Bosniens latente Kriegsängste durch den Ukrainekrieg: Das Machtvakuum in dem lange von der EU stiefmütterlich vernachlässigten Staatslabyrinth hat sich nicht nur die Türkei, sondern auch Moskau in den letzten Jahren gezielt zunutze gemacht.

Die Politiker der muslimischen Bosniaken fordern Sanktionen gegen Moskau. Die bosnischen Serben lehnen diese strikt ab, bei den Kroaten scheinen die Meinungen geteilt. Während der russische Botschafter im Fall eines ohnehin nicht zur Debatte stehenden NATO-Beitritts düster mit „Reaktionen“ droht, donnern derzeit vermehrt französische Kampfflieger über die bosnischen Berge. Auch als Signal an Moskau haben die Westmächte die Stärke der internationalen EUFOR-Truppen nun auf 1.100 Mann verdoppelt.

Die Atmosphäre in Bosniens vertrackten Politlabyrinth ist nicht gut. Doch ist das vor allem von Politikern der muslimischen Bosniaken und westlichen Diplomaten gezeichnete Ukraine-Szenario eines neuen Waffengangs durch den zum Urheber allen Übels stilisierten Dodik tatsächlich eine realistische Gefahr?

In der Republika Srpska sieht die Opposition in Dodiks Sezssionsgepolter in erster Linie einen weiteren Wahlkampfbluff, um von den Korruptionsskandalen in den Reihen seiner SNSD abzulenken: Nach den Wahlen würden seine vollmundig angekündigten Vorhaben wie die Schaffung einer eigenen Teilstaatsarmee wieder einmal in der Schublade verschwinden.

Wir verfügen über nichts mehr, mit dem wir uns noch bekriegen könnten: weder über Panzer, Geschütze oder Helikopter noch über ausreichend Nahrung, Uniformen oder Klopapier für die Soldaten

Srdjan Puhalo, Analyst in Banja Luka

Vieles deutet tatsächlich auf einen erneuten Sturm im Dodik-Wasserglas hin. So hat die Teilstaatsregierung dem im Dezember abgesegneten Beschluss zur Rückübertragung von an den Zentralstaat abgetretenen Zuständigkeiten noch stets keinerlei Taten zu dessen Umsetzung folgen lassen – und schweigt sich zu Nachfragen hartnäckig aus. „Das Gerede um die Zuständigkeiten hat sich gelegt“, konstatierte letzte Woche die Zeitung Euro Blic in Banja Luka: „Die Fristen verstreichen, die Regierung schweigt.“

Als „kleinstmöglich“ beziffert auch der Analyst Srdjan Puhalo in Banja Luka das Risiko eines neuen Waffengangs. Zum einen sei die Stimmungslage keineswegs mit der in den 90er Jahren zu vergleichen, in der es „viele kaum mehr abwarten konnten, endlich mit den anderen abzurechnen“: Zum anderen verfüge das ausgezehrte Land über „nichts mehr, mit dem wir uns noch bekriegen könnten: weder über Panzer, Geschütze oder Helikopter noch über ausreichend Nahrung, Uniformen oder Klopapier für die Soldaten.“

Feuerwehrmann für selbst entfachte Brände

Tatsächlich machte die Kaserne von Banja Luka weniger durch Kriegsvorbereitungen, sondern durch ungewöhnliche Kurzarbeit von sich reden: Da deren Baracken selbst bei Minustemperaturen wegen des Mangels an Heizöl kaum beheizt werden konnten, machten die fröstelnden Soldaten in diesem Winter schon um 14.00 statt um 16.00 Uhr Feierabend.

Im Gegensatz zu Bosniens abgetakelten Streitkräften ist Serbiens Armee in den letzten Jahren zwar kräftig mit russischen Altwaffen aufgerüstet worden. Doch selbst wenn Regierungspolitiker gerne über die „serbische Welt“ auch jenseits der Landesgrenzen schwadronieren, scheint Belgrad weder an einem Waffengang noch an einer Sezession, sondern eher am wachsenden Einfluss in Bosnien interessiert: Auch im Nachbarland mimt der allgewaltige Präsident Vucic gerne seine Lieblingsrolle als Feuerwehrmann für selbst entfachte Brände.