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Die Luxemburgerin Béatrice Chagnon hilft, aus dem Konsumwahn auszusteigen

Die Luxemburgerin Béatrice Chagnon hilft, aus dem Konsumwahn auszusteigen

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Die Luxemburgerin Béatrice Chagnon, 46, setzt sich tagtäglich für die Natur und die Umwelt ein. Über die Facebook-Seite «BeA not happy» informiert sie seit dem 16. Mai dieses Jahres über ihre Aktionen und sensibilisiert die Allgemeinheit für ein Umdenken und einen Ausstieg aus dem Konsumwahn.

Von unserem Korrespondenten André Feller

Als Kind verstand sie ihren Vater nicht, der während der Autofahrt das Fenster herunterkurbelte, um Verpackungsmüll in der Natur zu entsorgen. Nach dem Erwerb des Führerscheins führt sie stets eine Mülltüte in ihrem Wagen mit sich und entsorgt den Abfall fachgerecht. Alles begann mit einem Ausflug in die Natur an Ostern 2018. Es sollten eigentlich einige Tage entspannender Urlaub an der belgischen Küste anstehen. Als Chagnon aber am Strand ankam und die Unmengen an Müll erblickte, fasste sie den Entschluss, diesen einzusammeln – und endlich zu handeln.

Tageblatt: Wieso haben Sie Ihre Lebensweise verändert?
Béatrice Chagnon: Ich hatte die Nase voll von der Abhängigkeit der Supermärkte und den Lügen der Werbeindustrie. Wie viele Menschen war ich auf Supermärkte angewiesen, kaufte Fertigprodukte, um diese anschließend in der Mikrowelle zu erwärmen. Ich folgte dem üblichen Trend, die Werbeindustrie beeinflusste mein Handeln. Als Kunde hat man die Wahl, es gibt ja genügend Supermärkte. Eines Tages erkannte ich, dass die Richtung, die wir einschlagen, falsch ist. Die Lebensmittel- und Agrarindustrie ist nur am Umsatz interessiert, nicht an der Gesundheit ihrer Kundschaft. Aber das lasse ich nicht mehr mit mir machen. «Le client est roi» heißt es – und so soll es sein. Nur ich allein entscheide, was mir und der Umwelt guttut. Dabei denke ich auch an alle Haushaltsprodukte wie Wasch- und Putzmittel, Kosmetik, Sonnenschutzcremes, Mikroplastik, Gifte in der Zahnpasta … Die Liste lässt sich beliebig weiterführen.

Wieso haben Sie sich für ein minimalistisches Leben entschieden und welche Vorteile hat Ihnen das gebracht?
Ich bin eigentlich ein chaotischer Mensch. Zu Hause bewahre ich unnötiges Zeug auf – so wie viele Mitmenschen auch. Und das oftmals mit dem Gedanken, eines Tages wäre es schon nützlich. In der Regel trifft das aber nie zu. Stattdessen steht das Zeug nur nutzlos herum. Also habe ich die Entscheidung getroffen, mich von dem, was überflüssig ist, zu trennen, indem ich es verkauft, getauscht oder verschenkt habe. Funktionstüchtige Geräte finden nach wie vor Verwendung, etwa mein 20 Jahre alter Flimmerkasten. Aus dem Konsumrausch bin ich ausgestiegen, einen Gebrauchtwaren- oder Neukauf tätige ich nur, wenn es denn wirklich erforderlich ist. Mittlerweile lebe ich nach meiner eigenen Richtlinie, nämlich nach der 3R-Regel: «reduzéieren, recycléieren  a refuséieren». Und das bringt mir viele Vorteile: Ich bin glücklicher und zufriedener, habe eine neue Form der Wertschätzung und der persönlichen Freiheit kennengelernt. Zudem kommt der Ausstieg aus der Konsumgesellschaft der Umwelt und den Tieren zugute.

Tierschutz liegt Ihnen auch am Herzen, oder?
Ich bin gegen die Ausbeutung von Tieren. Ich verurteile keine Fleischesser, bin aber sehr allergisch gegen jene, die sich über Umweltkatastrophen, Massentierhaltung, Tierquälerei und Fleischskandale beklagen. Die Massentierhaltung kann keine positive Auswirkungen haben. Tonnenweise Antibiotika, Verunreinigung des Grundwassers, Tierquälerei, Stress und Ängste beim Schlachten, Pestizide und Insektizide sowie die unzähligen Tiertransporte quer durch die Welt können kaum zur Nahrhaftigkeit der tierischen Produkte und dem Wohl der Tiere beitragen. Tiere gelten schon lange nicht mehr als Lebewesen, sondern als gewinnbringendes Produkt. Für mich ist diese Praktik ethisch nicht mehr vertretbar.

Wie ernähren Sie sich?
Über die Herkunft des Steaks habe ich mir nie Fragen gestellt. Seit ich die Hintergründe kenne, bin ich Vegetarier. Für mich und mein Gaumenschmaus muss kein Tier mehr sterben. Es gibt viele Alternativen ohne Tierleid. Schrittweise wende ich mich dem Veganismus zu und reduziere immer mehr den Konsum von Milchprodukten und anderen tierischen Erzeugnissen. Es muss nicht gleich jeder Mensch Veganer werden. Eine drastische Reduzierung des Fleischkonsums würde ich bei jedem Menschen begrüßen. Dieser Schritt hätte einen überaus positiven Effekt auf die Tiere und die Umwelt.

Wie reduzieren Sie eigentlich den Verpackungsmüll zu Hause?
Vor allem mit vorsorglicher Aufmerksamkeit. Ich bin oft mit dem Auto unterwegs. Ich muss gestehen, dass ich manchmal an einer Tankstelle einkaufe. Dort gibt es keine Alternative zur Kunststoffverpackung wie beispielsweise bei Hummus oder Möhren. Grundsätzlich kaufe ich, so oft es mir möglich ist, ohne Verpackungsmüll im Bioladen oder im verpackungsfreien Geschäft.

Wie sehen diese Maßnahmen konkret aus?
Das Mineralwasser für unterwegs transportiere ich im Glas. Slipeinlagen habe ich schon lange gegen Baumwolle getauscht. Kosmetikprodukte wie Seifen, Zahnpasta, Shampoo, Deo oder Gesichts- und Körperlotion kaufe ich in fester Form in einer Kartonverpackung, alles frei von toxischen Chemiecocktails oder Palmöl. Im Haushalt nutze ich zum Putzen die Marken «Frosch» und neuerdings «Sonett». Demnächst steht zudem ein Workshop zur Herstellung von Kosmetik und Haushaltsprodukten ohne Chemie und Kunststoffpackung auf dem Programm.

Wie haben Sie den Umweltschutz in die alltägliche Praxis umgesetzt?
Vor der Haustür sammle ich jeglichen Müll sowie Zigarettenstümmel der Nachbarn und Passanten ein. Statt Einweghandtücher nutze ich am Arbeitsplatz ein Stoffhandtuch und schalte Beleuchtung sowie Heizung beim Verlassen des Arbeitszimmers aus. In den Fluren verzichte ich aufgrund des einfallenden Tageslichts gänzlich auf die künstliche Beleuchtung, die Heizung wird nur minimal genutzt.

Sie sind auch in den sozialen Netzwerken sehr aktiv. Wie machen Sie sich diese zunutze?
Über die sozialen Medien bzw. über meine Facebook-Seite «BeA not happy» rufe ich zu Putzaktionen in der Natur auf. Ab diesem Schuljahr sensibilisiere ich zusammen mit einer Grundschullehrerin eine Schulklasse für die Thematik Abfallentsorgung, informiere sie über die Problematik und organisiere dabei ebenfalls eine Putzaktion. Beim Wandern hingegen ist das Bloggen nicht so einfach umsetzbar. Die meisten Wanderer bevorzugen ein bestimmtes Tempo und wollen die Natur erkunden. Daher ermutige ich Freunde und Bekannte etwa am World Cleanup Day oder bei anderen Gelegenheiten dazu, aktiv zu bloggen und ihre Fotos in den sozialen Medien zu teilen.

Nach dem Prinzip der jährlichen «Fréijoersbotz» in vielen Gemeinden werde ich selbst solche Putzaktionen organisieren und hoffe dabei auf eine rege Teilnahme. Meine nächste Reise an die belgische Nordsee wird ebenfalls mit einer Reinigungsaktion verbunden sein.

Sind Sie in Tier- oder Umweltschutzorganisationen tätig?
Nein, dazu reicht die Zeit nicht aus. Wie jeder andere Mensch habe ich berufliche und persönliche Verpflichtungen. In meiner Freizeit setze ich mich zudem zu 100 Prozent in Eigenregie für die Natur ein. Finanziell unterstützte ich Orang Utan Help Lëtzebuerg, 4Ocean und Prince Fluffy Kareem (eine Pferdehilfsorganisation in Ägypten).

Ist es Ihnen gelungen, Freunde und Bekannte für Ihre Lebensweise zu begeistern?
Das ist sehr schwer, die meisten Menschen sind Gewohnheitstiere. Manche sind jedoch offen für eine neue Lebensweise. So konnte ich bereits mehrere Bekannte dazu bewegen, ihre Konsumgewohnheiten zu hinterfragen, und sie für den aktiven Umweltschutz im Alltag überzeugen.

Kleidung kann unsere Umwelt schädigen oder schützen. Wie sieht Ihre Garderobe aus?
Viele Kleidungsstücke habe ich schon seit Jahrzehnten. Ausgediente Hosen und T-Shirts dienen als Grundlage für neue Objekte. Meine Strümpfe stammen aus Luxemburger Herstellung, haben also sehr kurze Transportwege hinter sich. Sollte ich Bedarf an neuer Mode haben, dann wende ich mich an Secondhand-Geschäfte und an Akabobus. Ich habe leider noch Fleece-Jacken aus synthetischen Textilfasern – diese bleiben vorerst im Schrank, bis ich eine passende Lösung gefunden habe.

Gehen Sie noch anderen Freizeitbeschäftigungen nach?
Ich bin Mitglied bei Daaflux, den Fastewanderfrënn und der Wandersektion der freiwilligen Feuerwehr in Hamm. Ich besuche wöchentlich die Musikschulen von Differdingen und Petingen und belege Gesangskurse beim Vocal Coach Priscila da Costa. Als Sängerin stehe ich mit der Gruppe «Dizcoverz» am 6. Oktober in Remich auf der Bühne. Zusammen mit dem Gitarristen Angelo habe ich ein Duo gebildet, für das wir allerdings noch keinen Namen haben.

roger wohlfart
13. September 2018 - 19.24

Eine bewundernswerte Initiative. Aber eine regelrechte Sisyphusarbeit. Es gilt diesem Konsumwahn in der Familie und in der Schule entgegenzuwirken.Durch Aufkärung und Anschauungsunterricht u.a. Ich wünsche Béatrice Chagnon, neben dem Mut den sie bereits aufbringt, viel Stehvermögen und uns allen, den von ihr angestrebten Erfolg.