Wer am vergangenen Wochenende morgens aus dem Fenster geschaut hat, dem ging es vielleicht wie dem Autor dieser Zeilen. Gerade hatte eine junge Frau ein Wahlplakat mit der LSAP-Spitzenkandidatin Paulette Lenert an einen Laternenpfahl gehängt. Zu dieser Zeit hing Luc Friedens Schild 50 Meter weiter schon einen Tag länger (ab), und bis Nachmittag brachte jemand Premierminister Xavier Bettel in Position, als dieser noch beim Schwebsinger Weinfest Hände schüttelte, um „No bei dir“ zu sein. ADR und Piraten durften natürlich nicht fehlen. Am Montag versprach „déi Lénk“ schon „Manner schaffe bei vollem Loun“. Das klingt nach Freibier für alle, wie es einst die Anarchistische Pogopartei forderte. Aber bei „Alles ze gewannen“ kamen dem Betrachter Zweifel: Handelte es sich gar um eine Tombola?
Vom Sicherheitsdiskurs mit mehr Beamten von den Piraten bis zum heimatseligen „Mat gréng rullt et“ oder den ADR-Avancen wie „Lëtzebuerg gär hunn“ zum LSAP-Wahlversprechen „Gerechtegkeet mécht #Ënnnerscheed“: Eine Woche nach dem Ende der Leichtathletik-WM geht der Wahlkampf in die letzte Stadionrunde. Da haften Themen wie Immobilienkrise, Inflation und diverse Steuerversprechen am meisten im Wählergedächtnis. Derweil bleibt ein „Evergreen“ der vergangenen Jahre etwas außen vor, obwohl er von den meisten Parteien mehr oder weniger bis etwas pflichtschuldig genannt wird: der Klimaschutz respektive der Kampf gegen den Klimawandel.
Während in den vergangenen Jahren Extremwetterphänomene in Europa zugenommen haben und der Kontinent wie auch andere Weltregionen unter langen Dürreperioden und Hitzewellen ächzt, dieses Jahr bis Mitte August laut European Forest Fire Information Systems bereits eine Fläche von etwa 260.000 Hektar Wald den Flammen zum Opfer fielen, brennt eine weitere Lunte: die Krise der Demokratie. In den meisten Ländern Europas sind rechtspopulistische bis rechtsextreme Parteien auf dem Vormarsch. Ein Beispiel par excellence für den „Fahrplan der faschistischen Transformation“ bietet nach den Worten des renommierten deutschen Kulturkritikers Georg Seeßlen zurzeit Italien, wo die Regierung von Giorgia Meloni fünf „Kriege“ führt: einen Krieg gegen die Kultur, einen gegen die Flüchtlinge bzw. Ausländer, einen gegen ihre linken Kritiker, einen gegen Queere und Frauen, die nicht mit ihrem Frauenbild einverstanden sind, und einen gegen Arme. Ein „Lehrstück für Europa“, wie Seeßlen kürzlich in der Woxx schrieb.
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