Der 6. Mai 1976 sollte sich unauslöschlich in das Gedächtnis der Bewohner der nordöstlichen Regionen Italiens einbrennen. Denn an diesem Tag, um genau 20:59 Uhr, erbebte die Erde mit solcher Stärke, dass etwa 20 Orte im Friaul größtenteils zerstört wurden. Häuser sackten in sich zusammen, Bäume fielen krachend um, Menschen und Tiere starben. Die Erdstöße waren so heftig, dass eine neue Landschaft durch sie geschaffen wurde: Wege, Flussbetten, Senken und Hügel ordneten sich untereinander neu wie Zahlen und Figuren in einem Kartensatz.
„Ich hatte keine Angst, nur so ein Gefühl, ganz fremd, fremd und groß, als wäre es das Ende aller Tage“, sagt eine Figur in Esther Kinskys neuem Roman „Rombo“. Es sind Sätze wie diese, die nach der Lektüre des Buchs hängenbleiben, weil sie das Unvorstellbare mit Worten umreißen, ohne ihm seinen ins Numinose spielenden Schrecken zu nehmen. Das Erdbeben halten die Opfer im ersten Moment für den All-Untergang, die Apokalypse, dann erscheint sie den Überlebenden wie eine Zäsur, bei der das Davor und das Danach getrennt sind wie zwei auseinanderstrebende Kontinente, die ein Ozean trennt.
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