Das Londoner Verteidigungsministerium dementierte zunächst empört, kündigte aber später auf Druck von Parlamentariern hin eine Untersuchung an. Diese sollte Experten zufolge nicht wie üblich von der Militärpolizei unternommen werden, da diese dem Gehorsamsprinzip untersteht. Die Labour-Opposition forderte eine umfassende Aufklärung der „tief verstörenden“ Vorwürfe. Verteidigungsminister Ben Wallace müsse umgehend erklären, wie er die BBC-Behauptungen untersuchen wolle, sagte der verteidigungspolitische Sprecher John Healey. Eine Erklärung wünschte sich auch Tobias Ellwood, konservativer Leiter des Verteidigungsausschusses, schließlich „sieht das nicht gut aus“.
Offenkundig gebe es für britische Truppen in Afghanistan „eine alarmierend hohe Straffreiheit und Verantwortungslosigkeit“, glaubt Zaman Sultani, Südasien-Fachmann der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI). Da das permanente Mitglied des UN-Sicherheitsrats, anders als China, Russland und die USA, zu den Unterstützern des Internationalen Kriminalgerichtshofs ICC zählt, müsse eine Strafverfolgung notfalls durch das Den Haager Gericht eingeleitet werden. Schließlich hat Großbritannien Sultani zufolge „schändlicherweise Unwillen gezeigt, Kriegsverbrechen seiner Truppen im Irak zu verfolgen“.
Das „Panorama“-Magazin des weltweit renommierten öffentlich-rechtlichen Senders beschrieb am Dienstag detailliert die Vorwürfe. Demnach hätten Einheiten des Special Air Service (SAS) während ihrer jeweils sechsmonatigen Einsätze in der afghanischen Südprovinz Helmand im Wettbewerb miteinander gestanden, wer die meisten Menschen getötet habe. Gestützt auf Hunderte von Seiten offenbar ergebnisloser interner Militäruntersuchungen analysierten die Journalisten den Einsatz einer SAS-Schwadron in den Jahren 2010 und 2011.
Bei Nacht- und Nebelaktionen sollten Taliban-Kommandeure oder Bombenbauer gefasst oder getötet werden („capture or kill“). Während dieses Vorgehen rechtlich gerechtfertigt war, gingen die britischen Soldaten offenbar nach der „Shoot to kill“-Taktik vor. Systematisch seien wehrfähige junge Männer erschossen worden, lautete der Verdacht der SAS-Führung, dem laut BBC auch nachgegangen wurde. Die Berichte der Soldaten über ihre tödlich verlaufenen Einsätze seien „völlig unglaubwürdig“, heißt es in internen Analysen, die vom „jüngsten Massaker“ der Todes-Schwadron berichten.
Verschluss-Sache
Anders als ein deshalb vor Ort entsandter SAS-Offizier inspizierten die BBC-Journalisten einige jener Orte, wo angeblich Bewaffnete sich der SAS entgegengestellt hatten. Die Einschusslöcher am Tatort befinden sich in Höhe eines liegenden oder sitzenden Menschen – klarer Hinweis darauf, dass bereits überwältigte Männer getötet wurden.
Der BBC zufolge wurden der Militärpolizei die Erkenntnisse über mögliche Kriegsverbrechen vorenthalten. Stattdessen landeten die „vereinzelten Berichte über außergesetzliche Tötungen“ als Verschluss-Sache im Archiv. Zudem seien Ermittler bei ihren Untersuchungen von der Armeeführung behindert worden.
Großbritannien hatte beim Kriegseinsatz am Hindukusch zwischen 2001 und 2014 457 Tote und Tausende von Schwerverletzten zu beklagen. Dass beim blutigen Einsatz in Helmand von 2006 an auch immer wieder Zivilisten zu Schaden kamen, steht außer Frage. Schon 2013 war von mindestens 500 Toten die Rede.
Die im westenglischen Hereford ansässige Spezialtruppe SAS genießt unter Militärs hohes Ansehen, wird aber auch seit Jahrzehnten von Vorwürfen übergroßer Brutalität und Schießwütigkeit verfolgt. Das wohl bekannteste Beispiel war im März 1988 der Einsatz gegen ein dreiköpfiges Kommando der irisch-republikanischen Terrortruppe IRA, das Geheimdienst-Informationen zufolge einen Bombenangriff plante. Alle drei wurden von SAS-Männern in Zivilkleidung angesprochen und erschossen; weder an den Leichen noch im Auto wurden Waffen oder eine Bombe gefunden.
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