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TrierAmokprozess: Angeklagter bricht plötzlich sein monatelanges Schweigen

Trier / Amokprozess: Angeklagter bricht plötzlich sein monatelanges Schweigen
Der Angeklagte wird von Justizbediensteten zu seinem mit Panzerglas gesicherten Platz im Landgericht geführt  Foto: TV/Rolf Seydewitz

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Auch am 37. Verhandlungstag gibt es im Trierer Amokprozess noch Überraschungen: Als eine Gefängnispsychologin sich im Prozess zu intensiv über die Persönlichkeit des Angeklagten auslässt, fährt der 52-Jährige plötzlich aus der Haut, berichtet der Trierische Volksfreund.

Im Trierer Amokprozess schaut ein Großteil der Prozessbeteiligten auf einmal ungläubig drein: War das wirklich der Angeklagte, der sich da plötzlich und ungefragt geäußert hat? Der links vom fünfköpfigen Gericht hinter einer schusssicheren Glasscheibe Tatverdächtige, der die vorausgegangenen 36 Verhandlungstage eisern geschwiegen hat? Hat der 52-Jährige gerade tatsächlich etwas gesagt?

Es sind gerade einmal sechs Worte, die der Angeklagte in Richtung der nur wenige Meter vor ihm sitzenden Zeugin sagt. „Ich glaube, es reicht jetzt langsam!“, raunzt er der Frau entgegen. Genauer gesagt sind es sogar acht Worte, die er ausruft, denn er schickt auch noch den Namen der Gefängnispsychologin voraus, die er seit über einem Jahr kennt. Ein bis zwei Mal die Woche hat sie in den zurückliegenden Monaten mit dem Untersuchungshäftling gesprochen, „es waren Entlastungsgespräche“, sagt die Psychologin am Mittwoch im Landgericht.

Von der Schweigepflicht entbunden

Die im Wittlicher Gefängnis arbeitende Fachfrau darf an diesem Tag überhaupt nur aussagen, weil sie ihr Patient von der Schweigepflicht entbunden hat. Jetzt hört es sich auf einmal an, als würde der Angeklagte dies auch schon wieder bereuen. Bevor er ausruft, dass es ihm nun langsam reiche, ist er nach den Beobachtungen eines Anwalts unruhig auf seinem Stuhl hin und her gerutscht, hat schließlich den Mikrofonknopf vor sich gedrückt, den ein Justizbediensteter sofort wieder ausschaltete. Nach dem unerwarteten Ausruf grätscht sein Verteidiger Frank K. Peter dazwischen und beantragt – vergeblich – eine fünfminütige Auszeit. Hat er Sorgen, dass es nun aus dem bislang so schweigsamen Tatverdächtigen plötzlich unkontrolliert heraussprudelt? Die Sorge wäre unbegründet gewesen. Für den Rest des 37. Verhandlungstages ist der Tatverdächtige so schweigsam wie an allen vorausgegangenen Verhandlungstagen.

Aber was hat den wegen fünffachen Mordes und mehrfacher Körperverletzung angeklagten Mann an diesem Tag dazu bewogen, seine Schweigsamkeit zu brechen? Ist es die Tatsache, dass die erfahrene Gefängnispsychologin den 52-Jährigen zuvor als unberechenbaren, sehr auf sich bezogenen, argwöhnischen Menschen bezeichnet hat mit bisweilen infantilem Verhalten? Als jemand, der sich anderen gegenüber häufig abwertend äußere und der im Wittlicher Gefängnis nur wenig Freunde habe.

Angeklagter erhält Todesdrohungen

Was heißt schon Freunde? Der mutmaßliche Mörder von fünf Menschen, darunter ein neuneinhalb Wochen alter Säugling und der 45-jährige Vater, die am 1. Dezember 2020 in der Trierer Fußgängerzone unterwegs waren, als der Amokfahrer durch die Fußgängerzone raste, hat im Knast offenbar nichts zu lachen. Ganz im Gegenteil. Er bekommt sogar Todesdrohungen von seinen Mithäftlingen. Die Gefängnispsychologin berichtet darüber, dass ihm während des Hofgangs andere Gefangene aus ihren Zellen Drohungen zuriefen. „Andere Häftlinge beschimpfen ihn, drohen, klopfen gegen seine Zellentür“, so die Psychologin. Ihm sei auch schon angedroht worden: „Wenn ich dich in die Finger bekomme, bringe ich dich um!“ Andere hätten ihm zugeflüstert: „Ich hänge dich auf!“

Nach Angaben der Psychologin kam der Angeklagte in Wittlich erst in die Psychiatrie und nach drei Monaten dann in einen besonders gesicherten Haftraum im normalen Vollzug. Er galt als selbstmordgefährdet, nachdem er im Anschluss an die Verlegung ins sogenannte Hafthaus eine Giftspritze gefordert hatte, um sich umzubringen. „Ich halte es nicht mehr aus“, soll der 52-Jährige der Psychologin gesagt haben.

Der Prozess wird am übernächsten Mittwoch fortgesetzt. Dann steht das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen auf dem Programm. Gut möglich, dass an diesem Tag die Beweisaufnahme geschlossen wird. Dann stünden an den darauffolgenden Verhandlungstagen die Plädoyers auf dem Programm. Ein Ende des im August vergangenen Jahres gestarteten Prozesses wäre damit in Sicht.