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Ich bitte um Gnade – „Je demande grâce“

Ich bitte um Gnade – „Je demande grâce“
(dpa)

Es gab die „Bommeleeëraffäre“, es gibt die „Schredderaffäre“. Ohne die Proportionen verkennen zu wollen, haben beide etwas gemeinsam: die Armseligkeit. Die Schredderaffäre mit ihren Auswüchsen auf beiden Seiten ist der bislang letzte Avatar einer Entwicklung hierzulande, die mich müde macht.

Ist unser Land wirklich so klein auch in seiner Kariertheit, dass eine gediegene Streitkultur nicht möglich ist? Kann man nicht mehr mit Argumenten und gelassenem (meinetwegen auch deftigem) Humor streiten, sondern nur noch mit Einschüchterung, Beschimpfung, Ressentiments und Anathema? Die ganze Problematik, die ich unter dem Fanal-begriff „Trennung von Kirche und Staat“ zusammenfassen möchte, die über diesen aber weit hinausgeht, weist auf einen Riss in unserer Gesellschaft hin, der eine viel tiefere Trennung aufdeckt als die oben genannte.

Der italienische Schriftsteller Erri de Luca spricht von der laizistischen Trinität: liberté-égalité-fraternité. Für Freiheit und Gleichheit (oder Gerechtigkeit) kann man kämpfen, um sie zu erhalten. Die Brüderlichkeit nicht. Sie ist ein Geschenk, eine spirituelle Bedingung, die uns überhaupt fähig macht, für Freiheit und Gleichheit zu kämpfen. Mir scheint, dass diese Brüderlichkeit oder würde ich auch noch sagen menschliche Solidarität, in dieser ganzen Situation zu beiden Seiten des Weges allzu oft auf der Strecke bleibt. Die Franzosen sagen: „Les extrêmes s’annulent.“ Nicht nur die Ausdrücke, sondern auch die Nicht- und Ver-achtung, die manchmal auf beiden Seiten durchschwitzt, sind Extreme und wirken auf die Dauer nichts sagend und ermüdend. Ich bin Historiker. Mein Spezialgebiet der Forschung ist die Toleranzgeschichte.

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