Seither herrscht in der konservativen Regierungspartei munteres Hauen und Stechen, an dem sich der 58-Jährige und seine letzten Getreuen eifrig beteiligen. Im Parlament aber beteuerte Johnson treuherzig, um „diese Sache“, also seine Nachfolge, „kümmere ich mich gar nicht besonders“. Frohes Gelächter auf den Rängen.
In Wirklichkeit drehte sich einen Tag vor den Ferien in der Downing Street Nummer Zehn und im Parlamentsviertel Westminster alles ausschließlich um die entscheidende Frage: Wer belegt den zweiten Platz? Seit dem ersten Wahlgang eine Woche zuvor hatte stets Ex-Finanzminister Rishi Sunak weit vor der Konkurrenz gelegen, seit langem galt sein Einzug in die Urwahl durch die Parteimitglieder als ausgemacht. Wer aber würde dem indisch-stämmigen früheren Investmentbanker und Ehemann einer Milliarden-schweren Geschäftsfrau dort Gesellschaft leisten?
Am Mittwochnachmittag wurde die Frage beantwortet: Im fünften und letzten Durchgang ging Außenministerin Liz Truss (113 Stimmen) an Handelsstaatssekretärin Penny Mordaunt (105) vorbei und streitet mit Sunak (137) ums höchste Partei- und Regierungsamt.
Nach „Big Brother“-Manier durften die 358 Mitglieder der Tory-Fraktion auch in der brutalen Hitze seit Wochenbeginn das Bewerberfeld täglich um einen Namen verkleinern. Tags zuvor war dies die überraschend prominent ins Rampenlicht getretene Ex-Staatssekretärin Kemi Badenoch. Eine formelle Empfehlung mochte die 42-Jährige nicht aussprechen.
„Folgt Euren Herzen“, gab Badenoch als Parole aus – ein kluges Eingeständnis der mehrfach bewiesenen Tatsache, dass die berüchtigt eigensinnigen Tory-Abgeordneten ohnehin nicht als Block von einer Kandidatin zur anderen wechseln. Vom Ausscheiden der knallharten Rechten Suella Braverman profitierten deren Gesinnungsgenossinnen Badenoch und Truss viel weniger eindeutig als erwartet; ebenso liefen die Gefolgsleute des liberal-konservativen Ex-Offiziers Tom Tugendhat keineswegs geschlossen zur Navy-Reservistin und früheren Verteidigungsministerin Mordaunt über.
Verunglimpfungen in den eignen Reihen
Die 49-Jährige hatte vergangene Woche noch als Favoritin gegolten, gestützt auf Umfragen unter den rund 180.000 konservativen Parteimitgliedern. Deren genaue Anzahl hält die Parteizentrale geheim. Fest steht aber immerhin, dass sie das Land mit seinen 67 Millionen Einwohnern sicherlich nicht repräsentieren: Es handelt sich überwiegend um weiße, wohlhabende Männer, die im Süden der Insel beheimatet sind.
Bei ihnen kam die Abgeordnete aus der südenglischen Hafenstadt Portsmouth gut an – bis die Partei-Rechte, unterstützt vom erzkonservativen Boulevardblatt Daily Mail, eine Schmutzkampagne gegen Mordaunt lostrat, um die ideologisch reinere Außenministerin Truss nach vorn zu schieben. Prompt verliehen neue Umfragen der 46-Jährigen die Favoritenrolle. Auch dabei ging es um den Sieg unter allenfalls 0,3 Prozent der Wahlberechtigen, nicht aber um die Frage: Wer kann bei der spätestens in zwei Jahren anstehenden Unterhauswahl die Labour-Party unter dem kompetenten, wenn auch wenig charismatischen Keir Starmer schlagen?
Der Oppositionsführer rief der Öffentlichkeit am Mittwoch die schönsten gegenseitigen Verunglimpfungen und Distanzierungen von der eigenen Regierung ins Gedächtnis, mit denen die Kandidaten und deren Büchsenspanner zuletzt Aufsehen erregten. So denunzierte Sunak die Steuersenkungspläne seiner Kontrahentinnen als „Fantasie-Ökonomie“. Truss machte ihren langjährigen Kabinettskollegen für das mangelnde Wachstum zu Zeiten der Covid-Pandemie verantwortlich, ihr Gefolgsmann Jacob Rees-Mogg nannte Sunak sogar den „sozialistischen Schatzkanzler“.
Johnson ist ab in den Urlaub
Die öffentliche Infrastruktur auf der Insel sei „in beklagenswertem Zustand“, konstatierte Mordaunt, die dem Unterhaus so lange, nämlich seit 2010 angehört, wie die Konservativen die Regierung führen. So ähnlich argumentierte auch Badenochs prominenter Fürsprecher Michael Gove, der in den vergangenen zwölf Jahren beinahe durchgehend dem Kabinett angehört hatte: Weil nichts funktioniere, müssten die Briten monatelang auf Pässe und Führerscheine warten.
Wie es um die Sympathiewerte der Regierungspartei in der Wahlbevölkerung steht, hat Marktforscher James Johnson von JL Partners ermittelt. Demnach hoffen die Briten auf einen „ehrlichen, kompetenten, realistischen“ Regierungschef. Irrelevant sei hingegen die Frage, wo der oder die Betreffende vor sechs Jahren im Brexit-Referendum das Kreuz gemacht hatten. Auch spiele keine Rolle, ob die eigene Politik „weltweit führend“ sei – mit dieser zumeist fragwürdigen Behauptung nerven Johnson und seine Minister das Land seit Monaten.
Der gescheiterte Premier aber hielt bis zuletzt an zweifelhaften Behauptungen und albernen Slogans fest. „Mission weitgehend erfüllt – hasta la vista, baby“ – so verabschiedete sich Johnson in den Urlaub. Für die beiden Nachfolge-Kandidaten geht die Arbeit erst richtig los.
Zu Demaart
Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können