Wie viele Tonnen Eis, Schlamm und Geröll den Berg herunterrasten, wird wohl kaum ermittelbar sein. Alles ging sehr schnell: Eben noch fotografierten sich Touristen vor dem Gletscher am Marmolata, dem höchsten Berg der Dolomiten, grüßten mit Selfies zu Hause gebliebene Angehörige, da riss der Berg ab – und mehr als zwei Dutzend Menschen mit sich in die Tiefe.
Mindestens zehn Bergwanderer kamen bei dem Unglück am vergangenen Sonntag ums Leben. Acht Menschen werden noch in umliegenden Krankenhäusern behandelt. Von den ursprünglich 13 Vermissten wurden acht unversehrt und gesund gefunden. Nach den übrigen Verschollenen wird noch gesucht. Dies gestaltet sich sehr schwierig. Die anhaltende Wärme lässt weitere Teile des Gletschers abtauen. So hält die Gefahr eines neuerlichen Abrutschens an. Ein Begehen der Unglückszone bei solchen Witterungsbedingungen ist nahezu unmöglich.
Parallel zur Suche der Rettungskräfte vor Ort forschen Wissenschaftler nach den Ursachen des Unglücks. Auch erfahrene Bergführer in der Region hatten ein derartiges Abbrechen der Eis- und Geröllmassen nicht vorhergesehen oder ahnen können.
Viel zu starke Schmelze
Inzwischen sind sich jedoch Meteorologen und Glaziologen – Wissenschaftler, die die Eigenschaften von Eis und Gletschern erforschen – einig, dass die von den Menschen verursachte Klimaerwärmung für das Schmelzen und Abrutschen des Gletschers am Marmolata verantwortlich ist. Weltweit hat sich das Klima im Hinblick auf das vorindustrielle Zeitalter bislang um 1,2 Grad Celsius erwärmt. Im Alpenraum hingegen ist der Anstieg deutlich höher. Hier ergaben die Messungen eine durchschnittliche Erwärmung um drei Grad Celsius. Zu viel für den Marmolata.
Der überaus geringe Schneefall im vergangenen Winter sowie die gegenwärtig anhaltenden hohen Temperaturen in Italien trugen ihrerseits dazu bei, dass der Gletscher bis tief ins Innere zu schmelzen begonnen hat. In Rissen und Spalten sickert das Schmelzwasser bis an die Unterseite des Eiskolosses und lässt diesen wie auf Aquaplaning talwärts rutschen.

Je weniger es schneit, desto schneller geht das. Am Gletscher braucht es den Schnee gleich doppelt. Zum eine wird eine kompakte Schneedecke benötigt, um die Eismassen des Gletschers zu „füttern“. Zum anderen reflektiert eine den Gletscher bedeckende Schneeschicht das Sonnenlicht und mindert damit die Schmelze. Noch vor Jahren waren solche Schneereste des Winters, wenn auch über die Monate unansehnlich schmutzig grau geworden, auch in den Sommermonaten zu sehen.
Reinhold Messner und die „weggefressenen Gletscher“
Extrembergsteiger und Umweltschützer Reinhold Messner sieht in dem Unglück eine Folge des Klimawandels und der Erderwärmung. „Diese fressen die Gletscher weg“, sagte der 77-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. An den Abbruchkanten der Gletscher bilden sich dann sogenannte Eistürme – Seracs genannt – „die so groß sein können wie Wolkenkratzer oder Häuserzeilen“, erklärte Messner. Vorfälle wie an der Marmolata „werden wir häufiger sehen“, prognostizierte er, denn „heute gibt es viel mehr Fels- und Eisabbrüche als früher“. Und diese können dann furchtbare Folgen haben wie am Sonntag auf dem Massiv an der Grenze zwischen den Regionen Trentino-Südtirol und Venetien.
Fehlt die Schneedecke, so beginnt das Eis des ansonsten von Permafrost durchzogenen Gletschers zu schmelzen. Es sammelt sich ein unterirdischer See, der dann bei einem bestimmten Niveau hervorbricht. Einen ähnlichen Vorfall wie jetzt am Marmolata beobachteten Schweizer Glaziologen im Sommer 2019 am Triftgletscher oberhalb von Zermatt. Damals hatte die Entleerung des Sees unter dem Schweizer Gletscher lediglich eine Überschwemmung von Teilen des Dorfes zu Folge, Menschen kamen nicht zu Schaden.
Doch sowohl Schweizer als auch französische Wissenschaftler befürchten, dass es in den Gletscherregionen ihrer Länder zu ähnlichen Vorfällen wie jetzt in den Dolomiten kommen könnte.
Europas Hitzewellen-Welle
Sollte die Klimaerwärmung sich wie in den bisher gemessenen Stufen weiter fortsetzen, sind solche Extremereignisse wie der Gletscherabbruch in Italien geradezu vorprogrammiert. Diese Warnung ist auch eine Erkenntnis einer jüngst veröffentlichten Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). „Sommerliche Hitzewellen sind an sich kein neues Phänomen“, bemerkt Efi Rousi, Hauptautorin der aktuellen PIK-Studie, „wir bemerken aber, dass insbesondere die Doppel-Jetstream-Ereignisse länger anhalten und in Europa (im Gegensatz zu Nordamerika und Kanada) zu viermal häufigeren Hitzewellen führen als bislang bekannt“.

Unter Doppel-Jetstream versteht man Luftströme, die in Höhen von bis zu 10.000 Metern von West nach Ost in Europa einströmen und sich in einen Nord- und einen Südstrom aufteilen. Im Zusammenspiel mit dem sich verlangsamenden Golfstrom halten sich diese Luftströme stabil über längere Zeit und verursachen in der Folge anhaltende Hitzewellen. Die Forscher des PIK beobachteten diese Entwicklung in Europa über einen Zeitraum den vergangenen 40 Jahre und haben dabei einen Anstieg der Hitzewellen um 30 Prozent verzeichnet.
Der Gletscherabbruch in den Dolomiten könnte in direktem Zusammenhang mit diesen ansteigenden Hitzewellen stehen, befürchten Klimatologen.
Schwächelnder Strom
Bereits in früheren Studien hatten die PIK-Klimaforscher darauf hingewiesen, dass die Erderwärmung erhebliche Folgen für den Wandel des europäischen Klimas und das Eintreten von Extremwettern haben kann. In einer Studie stellten die Wissenschaftler um Institutsdirektor Stefan Rahmstorf fest, dass sich die Umwälzgeschwindigkeit des Golfstroms deutlich verlangsamt hat. Zu diesem Ergebnis kamen die Forscher nach Auswertung einer Vielzahl von Proxydaten. Das sind indirekte Klimaanzeiger wie Baumringe oder Eisbohrkerne.
Trug der Golfstrom bislang dazu bei, dass in Europa ein durchschnittlich mildes Klima herrschte, so könnte die nun beobachtete Verlangsamung zu extremen Wetterlagen führen: Die Winter könnten deutlich kälter, die Sommer hingegen noch heißer und trockener werden. Auch dürften sich, wie die neu erschienene Studie des PIK hinweist, die Luftströmungen über Europa deutlich verändern. Wetterunbilden und Naturereignisse wie der jetzt beobachtete Gletscherabriss in den Dolomiten dürften die Folge sein.
Zu Demaart
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