Prinz Charles hatte sich privat über ein umstrittenes Thema ausgelassen. Er fände die Politik der Regierung, Flüchtlinge in das ostafrikanische Land Ruanda abschieben zu wollen, „entsetzlich“. Das soll der Thronfolger „mehrere Male in Privatgesprächen“ gesagt haben, meldete die Times. Das Büro des Prinzen dementierte die Äußerungen von Charles nicht, betonte aber, dass der Thronfolger „politisch neutral bleibt“.
Das sehen die Befürworter der britischen Asylpolitik anders. Die Sunday Times zitierte am Sonntag gleich vier ungenannt bleibende Mitglieder des Kabinetts, die dem Prinzen nahelegten, mit seiner Meinung lieber nicht hausieren zu gehen. „Das Problem mit Charles ist“, wird ein Minister zitiert, „dass er interessant sein will und denkt, dass es die Leute interessiert, was er denkt. Er scheint seine Rolle misszuverstehen.“ Ein anderer verglich ihn unvorteilhaft mit seiner Mutter: „Das Genie der Queen ist, dass niemand weiß, was sie denkt.“ Der langjährige Hofberichterstatter von der BBC Peter Hunt konstatierte: „Prinz Charles stieg in eine polarisierende Debatte ein, und das ganz deutlich auf der Seite von Boris Johnsons Gegnern.“
Prinz Charles stieg in eine polarisierende Debatte ein, und das ganz deutlich auf der Seite von Boris Johnsons Gegnern
Die Bemerkungen des Prinzen wurden bekannt, nachdem der High Court in London es am Freitag abgelehnt hatte, eine einstweilige Verfügung zu erlassen, um die für Dienstag geplante Abschiebung von Asylsuchenden zu verhindern. Großbritannien hat mit Ruanda eine Vereinbarung geschlossen, nach der alle illegal in Großbritannien angekommenen Flüchtlinge in das 6.500 Kilometer entfernte Land ausgeflogen werden können. Die Politik ist im Land stark umstritten. Sie reagiert auf die Flüchtlingskrise im Ärmelkanal, soll Bootsflüchtlinge abschrecken und das „Geschäftsmodell böser Menschenschmuggler durchbrechen“, wie die Innenministerin Priti Patel versprach. Oppositionsführer und Labour-Chef Keir Starmer verurteilte dagegen den Ruanda-Plan als unmoralisch, unpraktikabel und vor allem viel zu teuer. London zahlt pro Jahr 120 Millionen Pfund, dass Ruanda Flüchtlinge übernimmt und ihr Asylverfahren durchführt. Dazu kommen die Kosten für die Überführung und Unterbringung. Vor britischen Gerichten sind zur Zeit mehrere Verfahren anhängig, um die Abschiebungen zu verhindern.
Keine Pflicht zur politischen Neutralität
Die Einmischung von Prinz Charles hat zu einer Diskussion im Land geführt, ob es für ihn angemessen ist, sich über heikle politische Themen zu äußern. Er hatte sich in der Vergangenheit schon des Öfteren eingemischt und seine Meinung über die verschiedensten Themen kundgetan, sei es moderne Architektur, genmanipulierter Mais, alternative Medizin oder die Rolle des Islam. Als Thronfolger gilt für ihn nicht – wie etwa für seine Mutter, die Staatsoberhaupt ist – die Pflicht zur strikten politischen Neutralität. Doch übertreiben darf er es auch nicht. Beim Thema Ruanda scheint er vor allem rechtsstehende Medien und Politiker verärgert zu haben. Die Fernsehmoderatorin Jennie Bond dagegen begrüßte die royale Intervention: „Ich sah diese Schlagzeilen und dachte: Gut für dich, Charles. Du hast dich geoutet und gesagt, was du denkst.“
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