Der Bildschirm bleibt weiß. Sobald in Russland die Apps von Instagram, Facebook, Twitter geöffnet werden, sobald im Internetbrowser die Buchstaben von Russlands unabhängigen Medien wie Meduza, Tayga.Info oder TV Rain eingegeben werden, sehen die Leser und die Zuschauer in Russland nichts als Leere. Eigentlich. Seit russische Panzer auf Befehl des russischen Präsidenten Wladimir Putin unter dem beschönigenden Begriff der „militärischen Spezialoperation“ die Grenze zur Ukraine überschritten haben, belässt der Kreml sein Volk im Vakuum, was im Nachbarland passiert. Stattdessen lässt er übers Staatsfernsehen Siegesgeschichten der russischen Armee und die angebliche Zerstörungswut der ukrainischen „Nazis“, wie die Propagandisten letztlich alle Ukrainer nennen, verbreiten.
Jede Kritik daran, jede Nachricht, die sich nicht an der offiziellen Verlautbarung des russischen Verteidigungsministeriums orientiert, wird als Falschinformation gebrandmarkt. Ihren Verbreitern drohen bis zu 15 Jahre Haft, so steht es im schwammig formulierten Fake-News-Gesetz, das das russische Parlament in aller Eile durchpeitschte. Das Gesetz gilt nicht nur für russische Staatsbürger, sondern auch für ausländische, was auch die Arbeit von Auslandskorrespondenten im Land erschwert. Es kriminalisiert das journalistische Grundprinzip, mehrere Quellen zu benennen. Vor allem Russlands unabhängigen Journalisten sind dadurch vielfach die Hände gebunden. Sehr viele von ihnen haben seit Beginn der „Operation“ das Land verlassen. Ihre Arbeit lassen sie sich dennoch nicht nehmen, auch wenn sie nun vor allem aus Armenien, Georgien oder Lettland über ihr Land berichten.
„Vaterländische“ Alternative zu Facebook und Instagram
„Wir brauchen doch etwas zum Atmen. Macht irgendwas, aber lasst uns nicht allein hier in diesem Loch, in dem Schwarz plötzlich Weiß heißen muss“, schreiben die Menschen den Journalisten, um sie nach dem ersten Schock, ihr Land, wie sie es bislang kannten, verloren zu haben, wieder zum Berichten zu bewegen. „Ich hätte nicht gedacht, dass der Zuspruch so groß sein würde, dass die Menschen nach Informationen lechzen“, sagt Jekaterina Kotrikadse vom Online-Fernsehsender „Doschd“ (TV Rain). Zusammen mit ihrem Mann Tichon Dsjadko, Chefredakteur von „Doschd“, war sie nach Georgien geflohen. Kotrikadse ist gebürtige Georgierin. Der Sender ist Vergangenheit in Moskau. „Vorerst“, wie die Journalisten betonen. Kotrikadse und Dsjadko senden nun unter „KiD“ in Streams bei YouTube aus Tbilissi, ihre Doschd-Kollegen wie auch die Kollegen vom Radiosender „Echo Moskau“, der seine Arbeit nach 30 Jahren einstellen musste, haben eigene YouTube- oder Telegram-Kanäle gegründet, machen Podcasts, schreiben Newsletter und E-Mails und informieren so über das Geschehen in Russland und auch in der Ukraine.
Auch Gesperrtes lässt sich lesen. Die einfachste Lösung dabei: das sogenannte virtuelle private Netzwerk, VPN. Damit wird der gesamte Datenverkehr durch einen verschlüsselten virtuellen Tunnel geleitet. Die Blockierungen werden umgangen. Zwar existiert in Russland ein Gesetz, das gewisse VPNs verbietet, trotzdem war nach dem Verbot von Facebook und Instagram die Nachfrage bei manchen VPN-Anbietern bis zu 11.000 Prozent gestiegen. Vor allem Kleinunternehmer in Russland nutzten Instagram als Plattform, ihre Dienste anzubieten. Dass das Fremde ziehen müsse, sei ja sogar gut, frohlocken die Kremlloyalen im Land. Der nächste Dienst stehe schließlich bereits in den Startlöchern: Rossgram, das an diesem Montag für Firmenkunden gestartet ist. Das Netzwerk sieht ähnlich aus wie Instagram und bietet letztlich dieselben Funktionen wie die amerikanische Vorlage, doch es sei ein „vaterländisches“ Produkt, etwas „Wahres“ also. Dass Rossgram wie auch das russische Facebook-Pendant Vkontakte von russischen Geheimdiensten gelesen wird, stört die Macher dabei nicht.
Der, der sich in Russland trotz der umfassenden Einschränkungen informieren will, kann es auf Umwegen dennoch tun. Die breite Masse vertraut allerdings weiterhin der Fernsehpropaganda, die auf teils grausige Weise alles umdeutet, so dass die Menschen in einer Parallelrealität leben und den Krieg in der Ukraine, der in Russland nicht so genannt werden darf, als Friedensmission der russischen Armee wahrnimmt.
Das nächste Opfer
Die kremlkritische Zeitung „Nowaja Gaseta“ stellt ihr Erscheinen wegen des Drucks von russischen Behörden bis zur Beendigung des Krieges in der Ukraine vorübergehend ein. Die Ausgaben im Internet und auf Papier werden bis „zum Ende der ‚Spezialoperation auf dem Gebiet der Ukraine’“ nicht mehr erscheinen, teilte die Redaktion am Montag im Kurznachrichtendienst Twitter mit, der in Russland blockiert ist.
Die von Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow geführte Zeitung ist eines der letzten verbliebenen unabhängigen Medien in Russland. Zu Begründung nannte die „Nowaja Gaseta“, dass die Redaktion inzwischen die zweite Verwarnung von der Medienaufsicht Roskomnadsor erhalten habe. Bei zwei solchen Verwarnschreiben der Behörden drohe in Russland der Entzug der Lizenz, hieß es. (dpa)
Zu Demaart
Schon vorher war Russland das Land mit den meisten VPN-Abos, nur, wie zahlen die jetzt wenn Kreditkarten nicht funktionieren?
Leider bekommen wir in Europa auch nur die Meldungen, bei denen es in einem weiteren Halbsatz heißt, das sich diese Nachrichten weder von der einen noch der anderen Seite bestätigen lassen. Also unbestätigte Meldungen, die aber von ihrer Betonung her durch unsere Medien wiederum sehr ukrainisch lastig sind. Dies zieht sich leider wie ein roter Faden durch alle Nachrichten, weit entfernt von einer sachlichen Objektivität. Leider!