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InterviewBei den Oligarchen von Londongrad – eine Soziologin über russische Super-Reiche in der britischen Hauptstadt

Interview / Bei den Oligarchen von Londongrad – eine Soziologin über russische Super-Reiche in der britischen Hauptstadt
Der Besitzer des Fußballvereins FC Chelsea Roman Abramowitsch ist der wohl bekannteste russische Superreiche in London Foto: AFP/Ben Stansall

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Die Soziologin Elisabeth Schimpfössl spricht im Interview über russische Super-Reiche in London und die zögerlichen britischen Sanktionen.

Tageblatt: Frau Dr. Schimpfössl, Sie haben detaillierte Interviews mit 80 Superreichen geführt und kennen sich in der russischen Szene in London gut aus. Wie viel Einfluss haben diese Milliarden-schweren Oligarchen auf Moskau?

Elisabeth Schimpfössl: Es gibt fast keinen, dessen wichtigste Geldquelle nicht in Russland ist. Dementsprechend müssen sie dauernd im Kreml präsent sein und ihre Interessen vertreten. Jegliche Erschwernis ihres Geschäfts, egal von welcher Seite, kommt ihnen ungelegen.

Die vom britischen Premier Boris Johnson verkündeten Sanktionen haben Sie als unzureichend, geradezu als Witz bezeichnet. Warum?

Zunächst ging es um fünf Banken und drei Oligarchen. Die Banken, schön und gut. Den drei Männern …

… nämlich der Ölhändler Gennadi Timtschenko, der Bauunternehmer Boris Rotenberg und dessen Neffe Igor …

… ist die Sanktionierung durch Großbritannien egal, weil sie kaum Verbindung zu dem Land haben. Zwei Tage später hat Johnson dann ein „Kleptokraten-Dezernat“ im Kriminalamt NCA angekündigt, das fand ich goldig. Weitere gesetzliche Maßnahmen sollen erst in einigen Monaten in Kraft treten. Das war alles unkonkret. Wenn Großbritannien wirklich will, dass die Oligarchen Druck auf Putin ausüben, dann sollte es danach handeln.

Also persönliche Strafmaßnahmen gegen Leute mit starken Verbindungen nach London erlassen?

Ein Beispiel: Boris Johnson hat im Unterhaus behauptet, es gebe bereits Sanktionen gegen Roman Abramowitsch …

… den Besitzer des Londoner Fußballclubs FC Chelsea.

Ich nehme an, da hat er etwas durcheinandergebracht: 2018 hat das Innenministerium das Visum für Abramowitsch nicht verlängert. Das hat damals unter den Russen in London Panik ausgelöst, so etwas nehmen diese Geschäftsleute total ernst. Es ging so weit, dass plötzlich Häuser zum Verkauf angeboten wurden. Aber bald beruhigte sich die Szene wieder, weil sie merkte: Das war, trotz großer Worte der damaligen Premierministerin Theresa May, praktisch die einzige konkrete Tat.

Was sollte London also heute tun?

In die Sanktionen einen klassischen Londoner Oligarchen einbeziehen. Das würde ein Signal an alle senden: „Wir wissen, woher Euer Geld stammt. Eigentlich finden wir Euch gut und mögen Euer Geld, aber was der Putin da macht, das geht nicht. Wir müssen Euch dazu bringen, etwas zu unternehmen.“ Dann würden die, sobald es eine gewisse kritische Masse gibt, Druck auf Putin ausüben.

Glauben Sie wirklich, die stellen sich gegen Putin?

Natürlich nicht sofort. Zunächst mal würden sie alle Kanäle nützen, um Putin auf Knien anzubetteln und zu beeinflussen. Umgekehrt weiß der genau, dass 2024 wieder Präsidentschaftswahlen anstehen. Seine Herrschaft beruht auf einem Kompromiss, er balanciert die diversen einflussreichen Gruppen aus. Sollte er die Oligarchen mit Bezug zum Ausland verlieren, dann suchen die sich früher oder später womöglich doch einen Alternativ-Kandidaten.

Wobei die Frage erlaubt ist, ob die Lage dann besser würde.

Vor allem unter der jüngeren Generation sind die meisten für Putin, weil ihr Familienreichtum immer größer geworden ist. Solange er ihre Interessen wahrt, ist alles gut. Die wollen natürlich nicht eine große Revolution anfachen, die völlige Unsicherheit bringt und das angesammelte Vermögen in Gefahr bringt.

Wie stehen diese Menschen dem Westen gegenüber?

Das ist ein kompliziertes Mischmasch, das sich vielleicht am besten mit „Überlegenheitskomplex“ ausdrücken lässt. Also einerseits empfinden sie die russische Kultur als überlegen dem ‚dekadenten‘ Westen gegenüber. Andererseits fühlen sie sich nicht ganz akzeptiert, sogar die allerreichsten nicht. Und bleiben dementsprechend gern unter sich. Ein Bekannter erzählte mir neulich von einem Milliardärsdinner im Garrick.

Im Oberhaus macht eine beachtliche Anzahl von Lords Geschäfte mit Putin

Garrick ist ein bekannter Londoner Club, dem nur Männer angehören dürfen. Auch Premier Johnson verkehrt dort.

Da wollen die Russen natürlich gern dazugehören. Aber für ihr Dinner reservierten sie sich dann doch lieber ein separates Zimmer. Vielleicht lag das daran, dass sie „essen wie die Schweine“, wie mein Bekannter hinterher berichtete.

Was macht London eigentlich so attraktiv, dass Spötter von „Londongrad“ sprechen?

Es ist rasch erreichbar, sodass die Oligarchen ihre Familien in Sicherheit wissen, während sie in Moskau Geschäfte machen. Es ist viel leichter, hier geschäftlich Fuß zu fassen als in Paris oder Berlin. Der Rechtsstaat funktioniert, die Steuerbehörde ist zurückhaltend, die Strafverfolger sind weniger gut ausgestattet als in Amerika. Rund um das Finanzzentrum City of London gibt es eine lukrative Branche von Vermögensberatern, Immobilienmaklern, PR-Agenten und Anwälten, für die ethische Standards keine wichtige Rolle spielen.

Und die Politik? Die Opposition weist gern darauf hin, dass die konservative Regierungspartei Parteispenden in Millionenhöhe aus dubiosen russischen Quellen erhalten habe.

Bei diesen Spendern handelt es sich um Leute mit doppelter Staatsbürgerschaft. Lange Jahre konnten sich die Russen das sogenannte Investoren-Visum und nach einer gewissen Zeit den britischen Pass kaufen. Über die lahmen Sanktionen sprachen wir schon. Im Oberhaus macht eine beachtliche Anzahl von Lords Geschäfte mit Putin. Auch Prinz Michael von Kent, ein Cousin der Queen, unterhält gute Beziehungen zu Moskau.

„Rich Russians“

Die Österreicherin Schimpfössl lehrt an der Universität von Aston/Birmingham. Ihr Buch „Rich Russians“ ist bei Oxford University Press (OUP) erschienen.

HTK
1. März 2022 - 8.59

BoJo ist Trump-Fan und Trump ist Putin-Fan. Also beide Wirrköpfe sind eher dem Diktator zugeneigt.Trump hat ja sein Geschwafel schon geäussert indem er den Westen für die Maßnahmen rügte.Er sieht wohl die russische "Unterstützung" für seinen nächsten Wahlkampf schwinden.So es diesen denn überhaupt geben sollte.Und auch BoJo hängt an dünnem Faden nach seinen bisherigen katastrophalen Leistungen. .