Braun gurgeln in Doboj die Fluten der über die Ufer getretenen Bosna. Nach tagelangen Regenfällen ist der Flusspegel in der nordbosnischen Provinzstadt wieder am Sinken: Zumindest die befürchtete Wiederholung der Hochwasserkatastrophe von 2014 bleibt den krisengeplagten Anwohnern vorläufig erspart.
Während der Überschwemmungen vor sieben Jahren sei es egal gewesen, „ob du Bosniake, Serbe oder Kroate bist. Alle halfen mit“, erinnert sich in Doboj der Kriegsinvalide Zoran Panic an die schwerste Notlage des gebeutelten Vielvölkerstaats seit Ende des Bosnienkriegs (1992-1995). Egal welcher Abstammung – im Alltag mache seinen Landsleuten vor allem die Frage zu schaffen, „wie man über die Runden kommt“, sagt der Mann, der als Soldat der bosnisch-serbischen Truppen durch den Tritt auf eine Mine sein Bein verlor: „Normale Leute kommen miteinander aus. Einen Krieg will niemand mehr. Nur die Politiker versuchen, mit den Kriegsängsten zu punkten.“
Auch an der Drina, Save und Neretva ist in Bosnien und Herzegowina Hochwasser-Entwarnung angesagt. Doch von Krisenentspannung ist wenig zu spüren. Im Gegenteil: 26 Jahre nach Kriegsende scheinen sich die überwunden geglaubten Gespenster des Krieges neu zu regen.
Normale Leute kommen miteinander aus. Einen Krieg will niemand mehr. Nur die Politiker versuchen, mit den Kriegsängsten zu punkten.
„Es wird keinen Krieg geben“, beteuerte in dieser Woche der nach Sarajevo gereiste US-Sondergesandte Gabriel Escobar nach seinen Treffen mit den Mitgliedern des dreiköpfigen Staatspräsidiums. „Der Frieden muss bewahrt werden“, mimte hernach Serbenführer Milorad Dodik seine Lieblingsrolle als Feuerwehrmann für selbst entfachte Krisenbrände: „Der Krieg ist keine Option.“
Dabei hat der Strippenzieher mit der Drohung, in dem von ihm kontrollierten Teilstaat der Republika Srpska eine eigene Armee zu schaffen, die Kriegsfurcht selbst angeheizt. Vor einer „gefährlichen Eskalation“ warnte letzte Woche Christian Schmidt, der als Hoher Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft als eine Art Schiedsrichter im ethnisch geteilten Land die Einhaltung des Friedens überwachen soll: Der frühere deutsche Landwirtschaftsminister deutete gar die Gefahr eines Waffengangs an. Kein Rauch ohne Feuer, so die Redensart. Aber droht in dem Land der endlosen Nachkriegszeit wirklich ein neuer Krieg?
Nichts da, um Krieg zu führen
In Bosnien sei zwar alles möglich, sagt in Banja Luka der Analyst Srdjan Puhalo. Dennoch beziffert der Psychologe die etwaige Gefahr eines erneuten Waffengangs gegenüber dem Tageblatt auf „kleinstmöglich“: „Wir haben nichts, mit dem wir uns noch bekriegen könnten. Weder Panzer, Geschütze oder Helikopter noch ausreichend Nahrung, Uniformen oder Klopapier für die Soldaten.“ Zudem sei die Stimmungslage keineswegs mit der in den 90er Jahren zu vergleichen: „Damals konnten es viele kaum mehr abwarten, mit den anderen abzurechnen. Nun gibt es selbst unter den Politikern keinerlei Kriegsstimmung.“
Tatsächlich stehen selbst in der Republika Srpska keineswegs mehr alle hinter Dodiks rhetorischem Waffengerassel. „Das Volk will keine Uniformen mehr bügeln und Flinten putzen“, begründet Ex-Außenminister Igor Crnadak, warum die Opposition im Teilstaatsparlament Dodik Ende Oktober erstmals die nötige Zweidrittelmehrheit für ein Veto in Bosniens Staatspräsidium versagte.
Fast 100.000 Menschenleben forderte der mit Abstand blutigste der Jugoslawienkriege: 2,2 Millionen Menschen – fast die Hälfte der damaligen Bevölkerung – wurden vertrieben. Das 1995 unterzeichnete Friedensabkommen von Dayton stoppte den Krieg. Aber das damals geschaffene Staatskonstrukt mit zwei starken Teil- und einem schwachen Zentralstaat hat die ethnische Teilung zementiert – und vertieft.
„Konstante Dauerkrise“
„Kompas 071 Sarajevo“ nennt sich die von Ines Tanes in Bosniens Hauptstadt koordinierte Flüchtlingshilfsstelle. Die Schrecken von Krieg und Vertreibung hat die heute 37-jährige Kunsthistorikerin als Kind eines muslimischen Bosniaken und einer Kroatin in ihrer Heimatstadt Mostar selbst erlebt. Ihr Vater wurde in einem kroatischen Gefangenenlager interniert, sie selbst im Alter von neun Jahren von den Splittern einer Granate bosniakischer Soldaten verletzt.
„Die Leute kämpften im Krieg um das Überleben und tun das heute immer noch“, erklärt sie die „Kontinuität des Nachkriegsdenkens“ und die „konstante Dauerkrise“: „Vor jeder Wahl pumpen die Politiker die Spannungen auf, damit die Leute wieder für die ethnonationalistischen Parteien stimmen, weil ihnen suggeriert wird, dass sie voreinander Angst haben müssen.“ „Politoligarchen“, wie der Bosniake Bakir Izetbegovic (SDA), der Serbe Dodik (SNSD) oder der Kroate Dragan Covac (HDZ) seien sich dabei in einer „Symbiose“ verbunden: „Ohne Dodik gibt es keinen Izetbegovic und umgekehrt. Sie kooperieren ausgezeichnet und haben nur ein Ziel: dass die Lage so bleibt, wie sie ist.“
Bosniens Parlaments-, Teilstaats- und Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr gelten als einer der Gründe für Dodiks vermehrte Eskapaden. Sein Rating ist am Sinken. Die miserable Wirtschaftslage, die endlosen Korruptionsskandale und die in der Pandemie offenbarten Unzulänglichkeiten des ausgelaugten Gesundheitssystems könnten seiner SNSD zusätzliche Stimmen kosten.
Dodik bespiele „mehrere Fronten“, sagt Analyst Puhalo. Einerseits komme ihm die „permanente Krise immer gelegen“. Andererseits setze er mit seiner Politik der ständigen Attacken gegen den Zentralstaat auf die „langfristige Karte“: „Dodik ist an Macht, Geld und der Regierung gelegen. Er benötigt keinen Krieg. Aber er versucht, den Staat Bosnien und Herzegowina mit seinem Dauermantra von dessen Nutzlosigkeit sinnlos zu machen. Bis auch Bosniaken und Kroaten irgendwann sagen, dass dieser Staat absolut keinen Sinn mehr hat.“
Durch gemeinsame Probleme verbunden
Das Rezept, mit künstlich geschürten Spannungen von den eigentlichen Missständen abzulenken, beherrschen auch andere Ränkeschmiede im geteilten Staat. Es ist nicht nur der geringe Lebensstandard, der stets mehr Landeskinder resigniert ihr Heil in der Emigration suchen lässt. Auch Korruption, Perspektiv- und Rechtslosigkeit beschleunigen den Exodus: Allein zwischen 2010 und 2020 ist die Bevölkerung um eine halbe Million auf 3,2 Millionen geschrumpft.
„Uns verbindet das Holz, aber auch das gemeinsame Schicksal und Probleme“, sagt Zoran Panic und klopft lächelnd auf seine Prothese. Sein Engagement für die Kriegsinvaliden, aber auch das von ihm mitbegründete Sitzvolleyball-Team haben den Serben Kontakte im ganzen Land knüpfen lassen.
Doch oft sind die Erfahrungswelten junger Bosnier völlig getrennt. Serben informieren sich aus serbischen, Kroaten aus kroatischen und Bosniaken aus bosniakischen Medien. Vor allem Serben und Kroaten fühlen oft kaum eine emotionale Bindung zum eigenen Staat: Selbst bei Fußball-Länderspielen feuern meist nur Bosniaken die eigene Nationalmannschaft an, während Kroaten und Serben für die Teams der benachbarten Mutterländer fiebern.
„Wir haben so viele gemeinsame Probleme, dass uns das mehr bindet als alles andere“, seufzt Psychologe Puhalo. „Paradox“ sei, dass „die Politiker genau vom Erhalt dieser Probleme leben“: „Wir erhalten so nicht einmal die Chance, uns mit anderen Fragen beschäftigen zu können. Stattdessen wälzen wir uns ständig in demselben Schlamm – und kommen nirgendwo hin.“

Zu Demaart
US sondergesandte fuer den westbalkan auf dem foto. Das klingt nicht gut...ueberall wo die usa ihre finger im spiel haben wird zwist und krieg geschuert.