Dienstag20. Januar 2026

Demaart Zu Demaart

Headlines

„Die Europäer werden nicht frieren“Experten-Interview über Gazprom als politisches Instrument Russlands

„Die Europäer werden nicht frieren“ / Experten-Interview über Gazprom als politisches Instrument Russlands
„Nord Stream 2 eignet sich dazu, die Ukraine zu bestrafen und einen Keil zwischen die EU-Länder zu treiben“, sagt der russische Energie-Experte Michail Krutichin Foto: AFP/Olga Maltseva

Jetzt weiterlesen !

Für 0,99 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Oder schließen Sie ein Abo ab.

ZU DEN ABOS

Sie sind bereits Kunde?

In der europäischen Erdgaskrise sieht Russland die Fehler in Europa. Nach wochenlanger Härte gibt sich der Kreml nun gütig: Ab November soll Gazprom Energiespeicher in Europa stärker befüllen. Der russische Energie-Experte Michail Krutichin sieht darin eine Vortäuschung und eine weitere Demonstration Russlands, mittels Energie geopolitische Ziele zu verfolgen.

Tageblatt: Herr Krutichin, Russlands Präsident Wladimir Putin will nun doch, dass Gazprom die Speicher in Europa befüllt. Warum dieser Schritt?

Michail Krutichin: Es ist eine vorgetäuschte freundliche Geste in Richtung Europa. Und es ist die Demonstration dessen, dass Putin das Kommando über Gazprom hat. Wie auch bereits in den vergangenen Wochen, Monaten, Jahren benutzt er Gazprom als politisches Instrument. Die Wunden, also die Verluste, die Gazprom zuletzt erfahren hat, werden damit nicht gedeckt.

Hätte Europa ohne diese „Rettung“ im Winter sonst frieren müssen?

Die Panik in Europa ist groß. Sie wird durchaus von Gazprom selbst geschürt. Und von Putin, der gar aus russischen Volksmärchen so etwas wie „frier, frier, du Wolfsschwanz“ zitiert und offenbar zeigen will, dass Russland für alles gewappnet ist. Das, was Gazprom sagt und tut, wirkt sich auf die Futures-Preise aus, die immer sensibel reagieren. Es wirkt sich ebenfalls auf die Spekulationen auf den Finanzmärkten aus, wo diese Futures gehandelt werden. Mit Panikmache lässt sich immer gut Geld machen. Die Speicher aber sind bereits jetzt ausreichend gefüllt, damit ein normaler Winter normal hinter sich gebracht wird. Außer dem Gas von Gazprom gibt es in manchen europäischen Ländern eigenes Gas, man könnte auch Erdgas aus Norwegen kaufen, zudem gibt es die Möglichkeit, Flüssiggas zu bekommen. Die Europäer werden nicht frieren.

Gazprom schadet sich bewusst selbst. Der Grund ist ein politischer. Denn Gas ist vorhanden, man könnte problemlos mehr liefern.

Gazprom erfüllt alle seine Verträge. Wo ist das Problem?

Gazprom und die russische Regierung sagen geradezu bei jedem Schritt, dass sie alles erfüllen. Und es stimmt, da gibt es wirklich nichts zu beanstanden. Doch man macht lediglich „Dienst nach Vorschrift“, neue Verträge werden kaum abgeschlossen. Dabei hat Gazprom für gewöhnlich immer etwa 20 Prozent mehr Gas geliefert als in langfristigen Verträgen ausgemacht worden war. Denn Gazprom hat gut auf dem Spotmarkt verkauft, wo Gas direkt gehandelt wird. Plötzlich und unerwartet erklärte es allerdings, dass es den Handel auf dem Spotmarkt im vierten Quartal dieses Jahres und das ganze kommende Jahr einstellen wird. Und das, obwohl die Preise momentan sehr hoch sind. Es lässt sich lukrative Geschäfte entgehen. Mit Absicht.

Warum?

Weil es sich nicht wie ein kommerzielles Unternehmen verhält. Gazprom schadet sich bewusst selbst. Der Grund ist ein politischer. Denn Gas ist vorhanden, man könnte problemlos mehr liefern. Erst vor Kurzem erklärte Putin, dass zehn Prozent mehr Gas drin wären. Das Gas aber müsste durch Nord Stream 2 fließen. Das war die Bedingung. Das Kalkül des Kreml dabei: Wenn die Europäer wollen, dass wir nachgeben, sollen die Europäer erst selbst nachgeben und die Zertifizierung der Ostseepipeline beschleunigen. Das ist Erpressung. Damit setzt Russland Gazprom als politisches Instrument ein.

Nicht zum ersten Mal …

In der Tat. Lassen Sie uns zum Beispiel auf den Winter 2014/2015 schauen, in dem Gazprom die Gaslieferungen nach Europa um 50 Prozent drosselte, weil die Europäer damit angefangen hatten, Gas an die Ukraine zu liefern. Das gefiel dem Kreml freilich nicht. Bei diesem politischen Spiel verlor Gazprom viereinhalb Milliarden Euro. Die Politik kommt Gazprom stets teuer zu stehen.

Wie auch bei den neuen Gasverträgen mit Ungarn?

Zweifellos geht es auch bei den Verträgen mit Ungarn vor allem darum, die Ukraine zu bestrafen. Bekamen die Ungarn ihr Gas früher durch die Ukraine, wird jetzt Gas von der Jamal-Halbinsel ganz im Norden Russlands bis hinunter in den russischen Süden transportiert, dann weiter über das Schwarze Meer in die Türkei, über Bulgarien und Serbien nach Ungarn. Das ist ein Umweg, der Gazprom viermal mehr kostet als der Transport durch die Ukraine. Auch dieser Vertrag verfolgt geopolitische Ziele Russlands.

Nimmt Russland dabei vor allem Deutschland als Geisel?

Als Deutschland sich dazu bereit erklärt hatte, Nord Stream 2 haben zu wollen und bis heute nicht davon abrückt, es als rein wirtschaftliches Projekt zu bezeichnen, hat es das Fenster für russische Erpressungsversuche noch weiter geöffnet. Nord Stream 2 eignet sich dazu, die Ukraine zu bestrafen und einen Keil zwischen die EU-Länder zu treiben.

Dass Russland Gas als Waffe einsetze, bezeichnet Putin als „politisch motiviertes Geschwätz“. Worin liegt denn die Motivation Moskaus, nicht gleich nachgegeben zu haben, um dabei auch noch gut zu verdienen?

Wir müssen da breiter denken. Es geht nicht nur um ein Projekt. Nord Stream 2 ist lediglich eine Schlacht in einem großen Krieg. Dieser heißt: „Stoppt mal, Leute! Ihr prescht zu schnell mit eurem Green Deal vor.“ Erst vor Kurzem hat die russische Führung verstanden, dass die europäische Abwendung von fossilen Energieträgern eine Herausforderung für Russland darstellt, ja eine Gefahr. Früher schien das alles in sehr weiter Ferne zu liegen. Nun aber erkennt der Kreml: Die Europäer meinen es ernst, sie schaffen konkrete Arbeitspläne, sorgen für die Finanzierung ihrer Vorhaben. Widerwillig fängt man in Moskau an, sich an den Kopf zu fassen. Russland hat für den Export nichts anderes anzubieten als Öl und Gas. Die jüngsten Auftritte Putins enthielten eben die Aufforderung: Drosselt euer Tempo! Und wenn ihr euch doch beeilt, lassen wir euch frieren. Das ist das Denken in diesem Krieg zwischen dem Anbieter schmutziger Energie und den Ländern, die auf saubere Energie umstellen wollen. Das wird sich noch verschärfen. Welche Methoden Gazprom und der Kreml verwenden werden, kann ich nicht sagen, aber es wird mit aller Macht zeigen: Ohne russisches Gas wird Europa nicht klarkommen!

Michail Krutichin, Jahrgang 1946, hat an der Moskauer Staatsuniversität Arabistik studiert. 20 Jahre lang arbeitete er als Korrespondent der damals noch sowjetischen Nachrichtenagentur TASS in Kairo, Damaskus, Teheran und Beirut. Seit den 1990ern analysiert er den Öl- und Gasmarkt in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Er ist Partner im Consulting-Unternehmen RusEnergy und lebt in Moskau.
Michail Krutichin, Jahrgang 1946, hat an der Moskauer Staatsuniversität Arabistik studiert. 20 Jahre lang arbeitete er als Korrespondent der damals noch sowjetischen Nachrichtenagentur TASS in Kairo, Damaskus, Teheran und Beirut. Seit den 1990ern analysiert er den Öl- und Gasmarkt in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Er ist Partner im Consulting-Unternehmen RusEnergy und lebt in Moskau.  Foto: Inna Hartwich
Klod
29. Oktober 2021 - 12.49

Ein angeblich russischer energie experte hetzt gegen gazprom und nordstream und stellt sich damit in die dienste der us fracking industrie.

HTK
29. Oktober 2021 - 12.48

Kann der Schröder Gerd denn kein gutes Wort für uns einlegen?

Romain Juni
29. Oktober 2021 - 12.02

Früher hieß es bei manchem " Lieber Tod als rot".Heute frieren sie lieber als mit Russengas zu heizen.Ich fliege auf die Kanaren!

Klod
29. Oktober 2021 - 10.58

Schon traurig zu sehen dass im tageblatt,welches frueher unter leitung eines jacques f. Poos im kalten krieg eher eine wohltuend neutrale linie fuhr,nun nur noch russlandfeindliche artikel auftauchen. Man fuehlt sich and die otto habsburg zeit im damaligen LW erinnert.