Montag19. Januar 2026

Demaart Zu Demaart

Headlines

GroßbritannienZehn Jahre Haft für unehrliche Reiserückkehrer und andere Absurditäten – aber die Impfungen laufen

Großbritannien / Zehn Jahre Haft für unehrliche Reiserückkehrer und andere Absurditäten – aber die Impfungen laufen
Premier Johnson bei einer Pressekonferenz: „Mehr Menschen geimpft als die ganze EU zusammen“ Foto: AFP/Justin Tallis

Jetzt weiterlesen !

Für 0,99 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Oder schließen Sie ein Abo ab.

ZU DEN ABOS

Sie sind bereits Kunde?

Die britische Corona-Politik strotzt vor Widersprüchen. Während das Impfprogramm wie am Schnürchen läuft, will man jetzt Reiserückkehrer drakonisch bestrafen.

Die Zelle zeigt zwei Strafgefangene beim Erfahrungsaustausch. „Du sitzt wegen Marokko? Ich bekam zehn Jahre für einen Urlaub in Kapstadt.“

Wie so häufig fing der legendäre Karikaturist Matthew („Matt“) Pritchett mit seiner Karikatur auf der Titelseite des Daily Telegraph die Stimmung der Nation ein. Mit Hohngelächter und Zynismus reagierten die Briten diese Woche auf die jüngste Ankündigung der konservativen Regierung von Premier Boris Johnson: Wer bei der Einreise einen kürzlichen Aufenthalt in 33 Corona-Problemstaaten, darunter Südafrika, Marokko und Portugal, verschweigt, muss mit einer Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren rechnen.

Der frühere Verfassungsrichter Jonathan Sumption verglich das Strafmaß für die portugiesische Reiselüge mit weniger schwer bestraften Sexualdelikten gegen Minderjährige oder Todesdrohungen: Gesundheitsminister Matthew Hancock habe „endgültig seinen Realitätsbezug verloren“.

Die drakonische Ankündigung kontrastiert mit der bisherigen Praxis. Zu Beginn der Pandemie ließ Großbritannien monatelang Menschen aus aller Welt völlig unkontrolliert einreisen. Später gab es strenge Ermahnungen, die Aufforderungen zur Selbstisolation wurden aber kaum kontrolliert. Von Montag an sollen die Einreisenden aus den Problemländern zehn Tage in Hotelzimmern verbringen und dafür umgerechnet 1.995 Euro Franken entrichten. Aus Mitteleuropa Kommende dürfen die Quarantäne privat organisieren, müssen aber zusätzlich zum Negativtest vor der Reise auch an Tag zwei und Tag acht der Selbstisolation einen Test absolvieren und dafür bezahlen.

Von einem Extrem ins andere – und wieder zurück

Wie bei den Reisevorschriften fällt die Regierung im Kampf gegen Sars-CoV-2 auch auf vielen anderen Feldern von einem Extrem ins andere oder widerspricht sich selbst, häufig binnen 24 Stunden. Am 4. Januar mussten die englischen Schulen nach den Weihnachtsferien öffnen, tags darauf schließen, nun bleiben sie bis 8. März versperrt. Hancock hat schon seinen Sommerurlaub (natürlich in Cornwall) gebucht, Johnson rät von Buchungen ab. Während für eine gründliche Untersuchung der teils katastrophalen Fehler des vergangenen Jahres „jetzt keine Zeit“ ist, plant Hancocks Ministerium mitten in der Pandemie eine weitreichende Reform des Nationalen Gesundheitssystems NHS. Die angestrebte Reorganisation berichtigt die schweren Mängel einer 2012 von den Konservativen gegen den Rat der Fachleute durchgesetzten Umgestaltung des Gesundheitswesens.

Laut der Statistikbehörde ONS beklagt das Land inzwischen mehr als 125.000 Corona-Tote, darunter auch in der zweiten Welle Zehntausende von Alten- und Pflegeheim-Bewohnerinnen. Pro Million Einwohner sind bis Mittwoch 1.686 Covid-19-Patienten gestorben (Deutschland 765, Österreich 900, Schweiz 1.118, Luxemburg 952); europaweit gab es anteilig nur in Belgien und Slowenien mehr Tote. Die Neuinfektionsrate lag zuletzt bei 191 pro 100.000 Einwohnern.

Unterdessen läuft das Impfprogramm mehr oder weniger perfekt. Neuschnee und Glatteis haben diese Woche den Enthusiasmus der generell Technik-affinen Briten kaum beeinträchtigt, in die entsprechenden Zentren zu kommen. Dazu gehören größere Arztpraxen ebenso wie leerstehende Galopprennbahnen, Kathedralen, Moscheen und Museen. Nach Alten- und Pflegeheimbewohnern und den über 70-Jährigen erhalten mittlerweile vielerorts schon Menschen über 60 Jahre ihre Immunität.

Insgesamt hatten bis Mittwoch bereits 17,1 Millionen Inselbewohner den kleinen Pieks hinter sich – und keine ministerielle Stellungnahme dazu vergeht ohne den stolzen, gelegentlich auch schadenfroh klingenden Hinweis, man habe „mehr Menschen geimpft als die ganze EU zusammen“. Erst diese Woche gab Premier Johnson den Ankauf von weiteren 50 Millionen Dosen der deutschen Firma CureVac bekannt, deren Serum derzeit klinische Tests durchläuft.

florent
14. Februar 2021 - 16.43

"und dafür umgerechnet 1.995 Euro Franken entrichten." Franken?