Nur wenige Minuten nach Mitternacht war schon die erste Entscheidung des Wahltages gefallen. In Dixville Notch, einem kleinen Dorf im US-Bundesstaat New Hampshire, hatten sich die fünf wahlberechtigten Einwohner allesamt für Joe Biden entschieden. Der amtierende US-Präsident Donald Trump ging hingegen leer aus.
Seit 1960 öffnet das Wahllokal im Balsam Grand Resort Hotel bereits um Mitternacht. Zurückzuführen ist dieses Kuriosum auf einen Auszug im Wahlgesetz des Bundesstaates, der nur Gemeinden mit weniger als 100 Einwohnern vorbehalten bleibt. Inzwischen ist die Klausel nur noch ein Überbleibsel längst vergangener Tage, Aussagekraft hatten die Geschehnisse im ländlichen New Hampshire gestern kurz nach Mitternacht aber keine.
Im Gegensatz zum „Early Voting“: Bis zu diesem Zeitpunkt hatte eine Rekordzahl von knapp hundert Millionen Wahlberechtigten bereits ihre Stimme abgegeben. Laut dem „Early Elections Project“ der Universität von Florida entspricht dies rund 40 Prozent aller wahlberechtigten US-Bürger und knapp 71 Prozent der gesamten Wahlbeteiligung vor vier Jahren.
Aus Angst vor Ansteckungen hatten viele Bürger versucht, die vollen Wahllokale am Wahltag selbst zu meiden. „Ich habe meine Stimme bereits vor einer Woche abgegeben“, erklärt Amy Rock aus Maryland. Den Kontakt zu anderen Wählern konnte die 50-jährige Erziehungswissenschaftlerin aus Fort Washington jedoch nicht vermeiden: „Eine Stunde lang stand ich in der Schlange. Doch die Leute trugen alle Maske und hielten sich an die Mindestabstände“, so Rock erleichtert.
Auf dem Spiel stehe nichts weniger als die Rettung der Demokratie. Wegen des Aufstiegs der rechten Milizen, der Demontage der Wählerrechte und der unverschämten Lügen der US-Regierung sei es wichtiger denn je, das Land wieder in die richtige Bahn zu lenken. „Ich bin ein einziges Nervenbündel“, so Rock, die für Joe Biden und Kamala Harris gestimmt hat. „Das Rennen wird wieder knapp und Trump wird alles daran setzen, die Stimmen zu unterschlagen und einen unverdienten Sieg für sich zu beanspruchen.“

„Ein Reset für die neue Generation“
Roy Harris aus dem US-Bundesstaat Alabama spricht indessen von einem tiefen Graben, der durch die Bevölkerungsschichten verläuft. Im Wahlkampf sei deutlich geworden, wer hinter dieser Kluft steckt: „Die Mainstream-Presse, die Hollywood-Elite und die Big-Tech-Firmen“, erklärt der begeisterte Langstreckenläufer. Sie seien „voreingenommen und eklatant einseitig“ in ihrem Bestreben, den Bürgern eine links-liberale Agenda aufzuzwingen.
„Dabei sind sie realitätsfremd und weit entfernt vom alltäglichen Leben in Kleinstadt-Amerika“, schlussfolgert Harris. Auch er habe im „Early Voting“ seine Stimme abgegeben: „Rein und raus in 20 Minuten. Alles ging wie am Schnürchen.“ Gewählt habe er das Duo Trump/Pence. Doch nicht wegen deren Persönlichkeit, sondern wegen der republikanischen Partei. „Deren Plattform deckt sich nämlich mit meinen christlichen Werten“, so Harris.
Er sei nämlich überzeugt, dass viele Amerikaner Trump nicht einmal mögen. „Doch sie schätzen die Richtung, die er eingeschlagen haben“, so der Mann aus dem ländlich geprägten Teil der Vereinigten Staaten, in dem republikanische Kandidaten traditionell die besseren Karten haben. Gleiches gilt denn auch für Tennessee, wo ein Jugendlicher namens Bailey gestern zum ersten Mal sein Stimmrecht ausüben durfte.
Die Wahlen sieht der 18-Jährige als eine Art Reset für die neue Generation: „Die Parteien haben sich im Zuge der letzten zwei Wahlen stark verändert“, so dessen Fazit. Deshalb schlage er sich auf die Seite des aktuellen Amtsinhabers: „Trump bekommt meine Stimme! Wegen seiner rezenten außenpolitischen Entscheidungen und weil er vor der Pandemie die besten wirtschaftlichen Zahlen und die niedrigste Arbeitslosigkeitsrate der letzten 50 Jahren vorweisen konnte“, erklärt der junge Mann.
Außerdem finde er Gefallen an der Tatsache, dass Trump ein Geschäftsmann sei, der seine Meinung ohne Filter ausdrückt. „Er zerstört das, was vom Establishment noch übrig geblieben ist“, argumentiert der 18-Jährige, der große Hoffnungen in Trumps mögliche zweite Amtszeit hegt. Biden hingegen werde im Fall eines Sieges wohl viele Aufgaben an seine Vizepräsidentin abgeben. „Kamala Harris mag ich aber nicht“, so Baileys Argument.
„Gemeinsam sind wir stark“
Anders als der junge Mann aus Tennessee sehnt sich Derrick Armstrong einen Wechsel herbei: „Ich bete, dass die Ungerechtigkeiten in puncto Herkunft, sexuelle Orientierung und Polizeigewalt beseitigt werden“, so der 30-Jährige aus dem US-Bundesstaat Missouri. Bilder von Polizisten, die farbige Menschen misshandeln, machen ihn krank. Doch sei unter Donald Trump nichts dagegen unternommen worden. Im Gegenteil: Vielmehr habe er Rassismus und Intoleranz gefördert.
„Wir brauchen einen Präsidenten, der sich um die USA kümmert und die Menschen, die dort leben“, fordert Armstrong. Joe Biden könnte diese Hoffnung erfüllen. „Er und Kamala Harris haben meine Stimme erhalten“, erklärt der 30-Jährige, der gestern Morgen an der örtlichen Highschool in St. Louis gewählt hat. Auch die langen Warteschlangen hätten ihn nicht davon abhalten können.
Die Stimmung sei außergewöhnlich gewesen: „Es waren überdurchschnittlich viele Erstwähler anwesend, deren Stimmabgabe jedes Mal angekündigt wurde. Die Umstehenden haben es mit tosendem Applaus quittiert“, erzählt Armstrong. „Jede Stimme zählt. Gemeinsam sind wir stark“, schlussfolgert der junge Mann.

Leider seien die Vereinigten Staaten noch nie so zersplittert gewesen, meint hingegen David Holloway. Der Regierungsbeamte war lange im Ausland stationiert, bevor er wieder in die USA beordert wurde. „Man spürt es im täglichen Leben. Allerdings haben wir Amerikaner am Ende des Tages mehr gemeinsam, als wir denken. Gemeinsam werden wir es schaffen, diesen Graben zu überwinden“, gibt sich Holloway optimistisch.
Die Kandidaten jedoch könnten kaum gegensätzlicher sein. „Das macht sich besonders in der Art und Weise bemerkbar, wie beide Lager mit der Pandemie umgehen“, so der Staatsbedienstete aus dem Bundesstaat Virginia. Covid-19 war auch einer der Gründe fürs „Early Voting“ im Holloway-Clan. Die Stimmen entfielen alle auf Joe Biden und Kamala Harris. Mit ihnen könnten die USA wieder eine globale Führungsrolle beanspruchen. „Als Verfechter der Menschenrechte und Beschützer von Umwelt, Frieden, Freiheit und Demokratie“, so Holloway.
„Dieser Wahlzyklus ist eine Clown-Fiesta“
Ein geteiltes Land, tiefe Gräben durch alle Bevölkerungsschichten, soziale Ungerechtigkeiten und die Kluft zwischen den Lagern werden immer wieder von den Wählern angesprochen. „Ich wünsche mir, dass die Menschen wieder füreinander sorgen und der Alltag wieder einkehrt“, erhofft sich Pamela Marshall von den Wahlen. Die New Yorkerin setzt dafür auf Joe Biden und Kamala Harris. Die Geschehnisse der letzten Jahre hätten ihre Welt auf den Kopf gestellt. „Eine vorsorgliche Führungskraft brauchen wir. Jemanden, der uns eint, statt Hass sät“, so Marshall.
Ähnlich sieht es auch Claire Rozbesky aus dem Raum Chicago, wenn auch weniger diplomatisch: „Es reicht! Vier Jahre mit diesem peinlichen, unhöflichen Lügner sind genug. Ich liebe mein Land und ich habe ein Problem damit, dass so viele meiner Mitbürger diesem Mann die Treue halten“, betont die junge Frau aus Illinois. Sie habe deshalb den früheren Vizepräsidenten gewählt.
Tony Carrasquillo-Virella hat sich indessen weder für Biden noch für Trump entschieden. „Dieser Wahlzyklus ist nichts anderes als eine Clown-Fiesta“, befindet der 21-Jährige aus New York City. „Für beide sind die Wahlen nur ein Wettbewerb, in dem es darum geht, die andere Seite zum Heulen zu bringen.“ Deshalb sei er der Wahl gestern ferngeblieben. Beide Kandidaten seien ungeeignet fürs Präsidentenamt. Seine Entscheidung werde zwar nichts am Ergebnis ändern. „Doch kann ich es nicht ertragen, meine Stimme für jemanden abzugeben, nur weil er etwas erträglicher ist als der andere.“
Zu Demaart
Die Clownfiesta dauert jetzt schon 4 Jahre. Auf ein Neues? Könnte der Mann so gut reden wie Grimassen schneiden!