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Tageblatt-ReportageDie Angst kehrt zurück: In Belarus werden protestierende Eltern mit Kindesentzug bedroht

Tageblatt-Reportage / Die Angst kehrt zurück: In Belarus werden protestierende Eltern mit Kindesentzug bedroht
Omon-Sondereinheiten gehen inzwischen auch mit Gewalt gegen protestierende Frauen vor Foto: AFP/tut.by

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Seit der umstrittenen Präsidentschaftswahl am 9. August demonstrieren die Menschen in Belarus gegen den seit 26 Jahren regierenden Staatschef Alexander Lukaschenko. Dessen Repressionsapparat agiert immer brutaler – sowohl gegenüber den Oppositionsführern wie gegenüber einfachen Demonstranten. Unser Korrespondent Paul Flückiger berichtet aus Grodno, der als Hochburg des Widerstandes geltenden 370.000-Einwohner-Stadt im Nordwesten von Belarus.

Juri Prilaschkiewitsch nahm 14 Tage Urlaub. Dann fuhr der Bautechniker aus Smorgon an der litauischen Grenze zum Protest in seine Geburtsstadt Grodno. Er wohnte bei seinem Bruder und ging Tag für Tag auf den Leninplatz. Am Ende dieser seltsamen Ferien wurde er von der Polizei festgehalten. „Sie lachten nur fies“, sagt Juri, der gerade nach 15 Tagen sogenannter Administrativhaft freigekommen ist. Sein Bruder habe das Protokoll der Ermittlungsbehörden sofort unterschrieben und sei mit einem Bußgeld davongekommen. Er aber habe sich geweigert, gibt der bärtige, tätowierte Mittdreißiger zu Protokoll. Seine Gerichtsverhandlung habe gerade einmal zwei, drei Minuten gedauert. „Zeugen gab es keine, mein Vergehen: Teilnahme an einer nicht bewilligten Demonstration“, erzählt Juri.

Im Gefängnis von Grodno habe er dann in einer Viererzelle gesessen, mit zwei anderen politischen Gefangenen und einem kleinen Ladendieb. „Sie haben uns normal behandelt, ich kann nicht klagen, ein paar Gefängniswärter sprachen mich gar mit ‚Sie‘ an“, erzählt der Freigelassene an der Sonne in einem typischen Altstadt-Innenhof. An der Hausecke steht ein Pizza-Foodtruck, drei junge Frauen setzen sich je mit einem Latte Macchiato zum Schwatz auf eine nahe Bank.

Das letzte Verhör dauert besonders lange

Der Urlauber Juri kramt derweil eine Rechnung aus der Tasche: „Hier, 202,50 Rubel kostet mich der Aufenthalt im Knast; die Zahlungsfrist ist 30 Tage.“ Dabei huscht fast ein Lächeln über sein Gesicht. Dünne Kartoffelsuppe, Buchweizengrütze und Reis, fast fleischfreie Koteletten und abends jeweils Kohlsalat habe er gerade zwei Wochen lang gegessen, dies sei die Rechnung dafür, die Zellenmatratze hingegen sei offenbar gratis, erzählt der belarussische Haftnovize. „Siebenmal wurde ich zum Verhör geladen, immer und immer wieder die gleichen Fragen: Was hast du auf der Demo genau gemacht? Wer war mit dir auf der Demo? Wer bezahlt dafür? Wo wird das Geld ausbezahlt?“ Er habe zum Glück genau gewusst, wie er sich verhalten müsse, berichtet Prilaschkiewitsch. „In meiner Zelle konnten sie keinen brechen“, sagt er stolz.

Juri hat sich auch von zwei Wochen Gefängnis nicht einschüchtern lassen
Juri hat sich auch von zwei Wochen Gefängnis nicht einschüchtern lassen Foto: Paul Flückiger

Das letzte Verhör vor der Freilassung habe besonders lange gedauert, auch seien am Dienstag Beamte am Arbeitsplatz seiner Ehefrau aufgetaucht und hätten sich ostentativ nach seinem Verbleib und dem Wohlergehen des kleinen Sohnes erkundigt. Dies sei klar als Einschüchterung zu verstehen, sagt Prilaschkiewitsch. Für den bei einer großen Privatfirma angestellten Baufachmann ist klar, dass er so schnell keinen neuen Urlaub beantragen kann, aber dennoch weiter zu den Protesten gehen wird. „Mich schüchtern sie so schnell nicht ein, und auch meine Frau nicht“, sagt Juri trotzig.

Schlägertrupps gehen auch auf Frauen los

Doch in der als Hochburg des Widerstandes geltenden 370.000-Einwohner-Stadt im Nordwesten von Belarus haben die Festnahmen und Strafbefehle wegen angeblichen Umsturzversuchs der beiden Koordinationsratsmitglieder Maria Kolesnikowa und Maxim Znak sowie das immer brutalere Vorgehen von Alexander Lukaschenkos Schlägertruppen vor allem in der Hauptstadt Minsk nun auch gegen Frauen ihre Spuren hinterlassen.

Oppositionsikone Maria Kolesnikowa drohen nun fünf bis zehn Jahre Arbeitslager
Oppositionsikone Maria Kolesnikowa drohen nun fünf bis zehn Jahre Arbeitslager Foto: AFP/Sergei Gapon

Kolesnikowa und Znak drohen nun fünf bis zehn Jahre Arbeitslager. Laut Kolesnikowas Anwältin wurde ihre Mandantin bei ihrer Entführung an die ukrainische Grenze und der nachfolgenden vereitelten Deportierung verletzt. Sie habe einen Antrag auf eine gerichtsmedizinische Untersuchung gestellt, sagte Ludmila Kazak in der Nacht auf Donnerstag. „Maria ist auch körperlich bedroht worden“, so Kazak. Derweil gehen die Repressionen in ganz Belarus weiter. Erst am Sonntag wurde in Grodno ein Protestmarsch mit Tränengas und Schlagstöcken verhindert, insgesamt 102 Demonstranten wurden festgenommen. Zur traditionellen Sonntagsdemonstration kamen in Grodno deutlich weniger Bürger als noch vor zwei Wochen.

Irena bleibt jetzt aus Angst um ihre Kinder daheim

Irena ist Mutter von zwei kleinen Kindern und will ihren Familiennamen nicht in der Zeitung lesen. Sie gehört zu jenen, die am vergangenen Sonntag zu Hause geblieben sind. „Natürlich sollten wir alle weiterhin an den Demos teilnehmen, doch ich habe einfach Angst um meine Familie“, sagt sie fast entschuldigend. „Sie drohen uns, die Kinder wegzunehmen und in ein Heim zu stecken, wenn wir weiter demonstrieren“, erzählt Irena. Mehreren Familien in Grodno sei dies bereits passiert, das habe sie von Nachbarn gehört, aber auch in lokalen Onlineportalen gelesen. „Sie kommen in die Schule und erzählen den Lehrern von angeblichen Problemen in der Familie“, erzählt die knapp 40-Jährige. „Ich war bei den Frauenprotesten, doch heute spüre ich vor allem meine Verantwortung meinen Kindern gegenüber“, sagt Irena.

Dann geht sie zum Schlimmsten über, den Vermissten, die plötzlich tot in Wäldern aufgefunden würden, den nach der Gewaltorgie vom 9. bis 12. August immer noch spurlos Verschwundenen. Um sich etwas abzulenken, hat sich Irena in die medizinische Freiwilligenarbeit eingeklinkt. Am Stadtrand von Grodno näht sie Schutzanzüge für Ärzte, die gerade die hierzulande beginnende zweite Corona-Welle bekämpfen. Vor dem Virus hat sie keine Angst, vor Lukaschenkos Schergen hingegen schon. „Eine kleine Hoffnung bleibt, dass alles noch gut wird und der Präsident abtritt – ein Prozent würde ich sagen“, schätzt Irena.

J.C.Kemp
10. September 2020 - 18.21

Die Methode ist klassisch, unter anderm auch in Russland. Wurde ja dort den Frauen von Pussy Riot angedroht, sowie anderen protestierenden Eltern, unter anderm Nawalny-Anhängern.