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BelarusLukaschenkos Flaggenkrieg – Nobelpreisträgerin Swietlana Alexiewitsch verhört

Belarus / Lukaschenkos Flaggenkrieg – Nobelpreisträgerin Swietlana Alexiewitsch verhört
In Schodino zogen über 1.000 Arbeiter des Lastwagenwerks BelAZ ins Stadtzentrum und skandierten „Hau ab!“ und „Lukaschenko in den Gefängniswagen!“  Foto: AFP/Sergei Gapon

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In Belarus geht der autoritäre Staatschef Lukaschenko weiter gegen die Opposition vor. Nun haben Ermittler Literaturnobelpreisträgerin Alexiewitsch zum Verhör vorgeladen. Die 72-Jährige findet deutliche Worte – und bekommt Beifall.

Knapp 40 Minuten dauerte gestern das Verhör von Swietlana Alexiewitsch. „Ich habe nichts gesagt und nichts unterschrieben“, sagte die Literaturnobelpreisträgerin nach ihrer Einvernahme. Alexiewitsch ist eines der sieben Mitglieder von Swetlana Tichanowskajas „Koordinationsrat“. „Ich habe nichts Illegales getan, alles, was ich gefragt wurde, kann man auf unserer Homepage nachlesen“, sagte die Autorin.

Gegen sich selbst würde sie bestimmt nicht aussagen, fügte die kleingewachsene Frau im violetten Kleid noch an. „Wir wollen nur beim Dialog helfen, aber der Präsident will das offensichtlich nicht“, sagte Alexiewitsch ungekünstelt und frei heraus, wie man die Nobelpreisträgerin kennt.

Die vor allem im Ausland und in Oppositionskreisen hoch angesehene Schriftstellerin betonte gleich mehrmals, ein Blutvergießen müsse unbedingt verhindert werden. Zum Verhör war sie trotz ihres schlechten Gesundheitszustandes lachend und mit einem weiß-rot-weißen Nelkenstrauß erschienen. Begleitet wurde sie von den drei der vier Koordinationsratsmitglieder, die sich im Moment noch auf freiem Fuß befinden. Als letzte soll heute Donnerstag auch Maria Kolesnikowa verhört werden.

Erholung vom Schock der neuen Repression

Nach einer großen Demonstration zum Tag der Unabhängigkeitserklärung der damaligen „Belorussischen Sowjetrepublik“ (BSSR) von 1991 am Dienstagabend erholte sich die Protestbewegung gestern wieder etwas vom Schock der neuen Repressionen. Zwar wurden am Dienstagabend laut Innenministerium alleine in Minsk 51 Protestierende festgenommen, weitere folgten landesweit im Laufe des Mittwochs, aber dennoch kam es in mehreren Städten auch im Ostteil des Landes wieder zu Kundgebungen gegen das Regime. In Schodino zogen über 1.000 Arbeiter des Lastwagenwerks BelAZ ins Stadtzentrum. Sie skandierten „Hau ab!“ und „Lukaschenko in den Gefängniswagen!“ und schwenkten sowohl die offizielle, sowjetisch geprägte rot-grüne wie auch die oppositionelle weiß-rot-weiße Landesflagge.

Wir wollen nur beim Dialog helfen, aber der Präsident will das offensichtlich nicht 

Swietlana Alexiewitsch, Nobelpreisträgerin

In Grodno im Nordwesten von Belarus forderten Arbeiter des Chemiewerks Azot nach der Festnahme von Streikenden ein Treffen mit dem neuen, erst am Samstag von Lukaschenko höchstpersönlich eingesetzten Gouverneur des Gebiets. Uladzimir Kalenik kam der Forderung indes nicht nach. Am Abend stellte sich heraus, dass der Azot-Streikführer in die polnische Hauptstadt Warschau geflohen ist.

Streikwelle steht auf der Kippe

Die Streikwelle befindet sich in Belarus seit Tagen auf der Kippe. Viele Arbeiter kehren unter Drohungen wieder in die Kombinate zurück, doch schließen sich auch immer neue kleinere Staatsfirmen dem Generalstreikaufruf der Opposition an.

Das Regime hat am Dienstag einen gerade grotesk anmutenden Krieg gegen die weiß-rot-weißen Oppositionsflaggen begonnen. Spezialtruppen der Polizei wurden in ganz Belarus ausgeschickt, um verbotene oppositionelle weiß-rot-weiße Flaggen von Hochhäusern zu holen. Die belarussische Unabhängigkeitsfahne von 1918 und 1991-95 ist seit Lukaschenkos Rückkehr zur alten Sowjetflagge Mitte der Neunzigerjahre zum Symbol der Opposition geworden.

Nun haben offenbar vom Regime bezahlte Vandalen damit begonnen, Autos von Oppositionellen mit diesen Farben zu besprayen. Gleichzeitig werden immer wieder feldgrüne Transporter mit großen rot-grünen Flaggen durch Minsk und andere Städte geschickt. Sie sollen ein Klima der Angst verbreiten, denn niemand weiß, was transportiert wird oder wozu. Lukaschenko hatte am Samstag damit gedroht, nun auch die Armee gegen die Proteste einsetzen zu wollen.

Rätsel gibt der Opposition auch der plötzliche Wechsel an der Spitze der Russisch-orthodoxen Kirche in Belarus auf. Die größte und dem Moskauer Patriarchat unterstellte Kirche des Landes berief den bisherigen Metropoliten Pawal Knall auf Fall ab und ersetzte ihn gestern durch den Belarussen Veniamin. Pawal, der einer der Ersten war, der Lukaschenko zu seinem angeblichen Wahlsieg von 9. August gratuliert hatte, hatte angeblich selbst um diesen Schritt gebeten. Der 51-jährige Veniamin war bisher als Bischof in Borisow tätig und wird vom Internetportal tut.by als feinfühlig, asketisch und gottesfürchtig beschrieben. Mehrmals soll er in den vergangenen Tagen Gebete gegen Gewalt geleitet haben. Rund 60 Prozent der Belarussen bezeichnen sich als gläubig. Etwa 80 Prozent von ihnen gehört der Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats an.