Die Infektionsangst vor der geballten Nähe scheint hart gesottene Spaßtouristen kaum zu plagen. Ob ausgelassene Beachpartys auf der kroatischen Insel Pag oder kollektives Schaumpool-Planschen am bulgarischen Goldstrand: Die Bilder hunderter von Meeresjüngern, die sich in Badehosen und Bikinis hautnah Schulter an Schulter zu voltstarken Weisen winden, muten im Corona-Sommer verwunderlich an. Denn auch auf dem Balkan ist Corona-Blues statt Party angesagt: Die Viruskrise hat Südosteuropa wieder voll im Griff.
Ob noch die erste oder schon die zweite Infektionswelle: Die schlechten Nachrichten reißen in Südosteuropa schon seit Wochen nicht ab. Vor allem in Rumänien, Serbien, Nordmazedonien, Kosovo oder Bosnien und Herzegowina steigen die täglichen Infektions- und Todeszahlen auf immer neue Rekordhöhen. In Rumänien beträgt die Zahl der aktiven Fälle mit 13.300 Erkrankten mittlerweile das Doppelte von der in Deutschland, obwohl der Karpatenstaat nur ein Viertel der deutschen Bevölkerung zählt.
Bei der Zahl der Coronatests liege Serbien „an vierter oder fünfter Stelle in Europa. Wir haben Deutschland erreicht“, versichert Präsident Aleksandar Vucic stolz seinen in den überfüllten Covid-Kliniken vom endlosen und oft vergeblichen Warten auf Tests und Ergebnisse zermürbten Landesleuten. „Vucic, vergleiche uns nicht mit Deutschland. Wir sind nicht alle dumm“, kommentiert das Webportal „nova.rs“ die Verlautbarungen des Landesvaters. Tatsächlich weist Serbien ähnliche Infektions- und Todeszahlen pro Tag wie Deutschland auf, aber zählt nicht einmal ein Zehntel von dessen Einwohnern.
Auch dank sehr rigider Präventivmaßnahmen und Ausgangssperren waren die Balkanstaaten bei der ersten Infektionswelle im Frühjahr relativ glimpflich davongekommen. Doch verinnerlicht haben die kommunikationsfreudigen Balkanbewohner das Gebot der sozialen Distanz keineswegs. Nicht nur im Familien-, sondern auch im Bekanntenkreis pflegen sie sich zu herzen und zu küssen. Feste werden auch zu Corona-Zeiten gefeiert, wie sie fallen: Kroatiens Gesundheitsbehörden machen beispielsweise Großhochzeiten als wichtigste Infektionsquelle noch vor Gottesdiensten oder dem Ausgangsleben aus.
Politiker sind keine Vorbilder
In Rumänien hat die Regierung in dieser Woche eine Verordnung erlassen, um die Isolierung von über 4.000 Infizierten durchzusetzen, die sich einer Klinikeinlieferung verweigern. In Montenegro klagen die Gesundheitsbehörden über den „Trend“, dass Infizierte die Angabe ihrer Kontakte verweigern. In Serbien werden diese ohnehin kaum mehr überprüft – und oft selbst Infizierte mit klaren Covid-Symptomen ungetestet wieder nach Hause geschickt.
Über 1.000 Ärzte haben angesichts falscher oder vertuschter Infektionszahlen einen Aufruf zur Ablösung von Serbiens Krisenstab unterzeichnet: Die völlige Aufgabe aller Präventivmaßnahmen zur Vorwahlzeit und die Genehmigung von Kundgebungen, Fußballspielen, Tennisturnieren und Wahlpartys unter dem Druck der Politik habe das Land in die „Gesundheitskatastrophe“ geführt.
Nicht nur in Serbien haben sich Politiker beim Kampf gegen die Ausbreitung des Virus keineswegs als Vorbild, sondern eher als Hindernis erwiesen. Die in Kroatien, Nordmazedonien und Serbien zu Corona-Zeiten abgehaltenen Parlamentswahlen gingen allesamt mit steigenden Infektionszahlen einher. Urnengänge sollen in den nächsten Wochen und Monaten auch noch in Montenegro, Rumänien und Bosnien steigen. „Politiker glauben, dass sie immun gegen das Virus sind“, titelt der bosnische Euro Blic angesichts der Hände schüttelnden Stimmenjäger, die meist ohne Masken durchs Land tingeln.
Zu Demaart
3 Regeln und die kriegen wir nicht auf die Reihe. Unglaublich.