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Einstiges EldoradoAbwanderung statt Goldrausch: Ostserbien trauert jugoslawischen Zeiten nach

Einstiges Eldorado / Abwanderung statt Goldrausch: Ostserbien trauert jugoslawischen Zeiten nach
Arbeiter ohne Arbeit hoch über Majdanpek (Serbien): Der Vlache Janko Nikolic (60) bangt um seine Stadt und seine Minderheit Foto: Thomas Roser

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Noch immer wird in Ostserbien nach Gold, Kupfer und Silber geschürft. Doch die Zeiten, in denen Majdanpek als Jugoslawiens Eldorado galt, sind vorbei. Der Bergarbeiterstadt machen geschlossene Fabriken, verlorene Arbeitsplätze und Abwanderung genauso zu schaffen wie die Vernachlässigung durch Belgrad.

Der staubige Abgrund ist das Schicksal der Stadt. Schwindelerregend tief schweift der Blick am Ortseingang von Majdanpek in den gewaltigen Bergwerkskrater: Wie Spielzeugautos rollen in der Ferne gelbe LKW an den terassenförmigen Sohlen des Kupferbergwerks entlang.

Zu Zeiten des sozialistischen Jugoslawiens sei Majdanpek „das Eldorado“ in dem in den 90er Jahren zerfallenen Vielvölkerstaat gewesen, erzählt auf der Terrasse des Hotels „Golden Inn“ der seit 1986 im Bergwerk beschäftigte Ortschef von Serbiens unabhängigen Gewerkschaftsbund, Dejan Matejevic: „Von überall her kamen die Leute, um hier zu arbeiten. Man hätte die Stadt mit goldenen Platten pflastern können, soviel Gold wurde hier herausgeholt.“

Doch die Zeiten, in denen hohe Löhne und Gratiswohnungen Menschen aus 22 Nationen in die Modellarbeiterstadt lockten, sind vorbei. Der Lockruf des Goldes ist spätestens seit der Schließung des Goldschmiedewerks der „Zlatara Majdanpek“ 2015 verhallt. Mit der Kupferrohrfabrik hat zu Jahresbeginn die letzte Fabrik in der von über 20.000 auf 6.000 bis 7.000 Einwohner geschrumpften Stadt geschlossen. „Früher war Majdanpek ein Ort, in dem die Leute leben wollten“, berichtet seufzend der 55-jährige Matejevic: „Nun drohen wir zu einer Stadt der Pensionäre zu werden.“

Das Schicksal eines unfreiwilligen Frührentners droht auch dem 60-jährigen Janko Nikolic. 39 Jahre hatte der zur Minderheit der Vlachen zählende Maschinenbauer in der drei Kilometer von der Stadt entfernten Kupferrohrfabrik gearbeitet. Die 70er und 80er Jahre seien für die Stadt eine „goldene Zeit“ gewesen, erinnert sich der durch die Werksschließung nun arbeitslos gewordene Ortschef der „Vlachen-Partei“: „Ich hatte damals ein sehr gutes Gehalt, flog von Belgrad aus in den Urlaub – und lernte als Tourist ganz Europa kennen.“

Die Löhne in der Fabrik hätten sich wie die Zahl der Arbeitsplätze mit dem Einstieg russischer Investoren 2004 zwar spürbar reduziert, seien aber für serbische Verhältnisse „solide“ gewesen, erzählt der Mann mit den dunklen Augenbrauen. Seine Fabrik sei bis zuletzt „profitabel“ gewesen, versichert der Arbeiter ohne Arbeit: „Wir hatten einen Markt, exportierten in alle Welt.“

Angeblich sollen die russischen Eigentümer von den neuen chinesischen Betreibern des Bergwerks nicht mehr die Bestätigung erhalten haben, dass ihr aus Russland eingeführtes Kupfer aus Serbien stamme. „Nichts Genaues weiß man nicht“, sagt Nikolic: „Es wird erzählt, dass die Chinesen darauf bestanden hätten, dass die Fabrik zumindest einen Teil des Kupfers aus dem Bergwerk beziehen sollte. Den Russen war das zu teuer. Und so packten sie ihre Sachen.“

Mit Edelmetallen reich gesegnet

Wehmütig lässt Janko Nikolic vor den Toren von Majdanpek seinen Blick über die verschlossenen Werkshallen streifen. Wenn sich nicht doch noch ein neuer Investor für die Kupferrohrfabrik finden lasse, sehe er kaum noch Chancen auf die Rückkehr ins Berufsleben: „Wer stellt heute noch einen 60-Jährigen ein?“

Sein ebenfalls in der Fabrik beschäftigter Sohn sei auch arbeitslos geworden: „Aber er ist jung, hat den LKW-Führerschein, kann überall Arbeit finden – wenn nicht hier, dann woanders.“ Wie in ganz Ostserbien sterbe das Leben in Majdanpek allmählich aus: „Ich sehe keine Perspektiven. Wenn keine neuen Arbeitsplätze geschaffen werden, hat die Jugend hier nichts mehr zu suchen.“

Unkraut wuchert zwischen den geborstenen Platten vor der verriegelten Pforte der „Zlatara“. 1984 wurden hier die Medaillen für die Olympischen Winterspiele von Sarajevo geprägt. Nun scheint selbst der nur 150 Meter kurze Transportweg zur Rohstoffgrube des Bergwerks dem Goldschmiedewerk nichts zu nutzen. „Das kannst du kaufen, sofort – mit allem Drum und Dran“, spöttelt ein betagter Passant in Jogginghose.

Zumindest mit Edelmetallen war die waldreiche Region immer gesegnet: Die Wurzeln des Bergbaus in Majdanpek reichen bis ins fünfte Jahrtausend v. Chr. zurück. Eine kleine Fachwerkkirche aus dem 19. Jahrhundert erinnert zwischen den Wohnblöcken an die Zeit, als das serbische Fürstentum mithilfe von Ingenieuren und Bergarbeitern aus Tschechien und Sachsen den Bergbau neu zu beleben versuchte: Einer der zwei Eingänge war für die orthodoxe Bevölkerung, der andere für die katholischen und protestantischen Zuwanderer bestimmt.

Fabrikschließungen und Abwanderung

Der Entwicklungssprung der Stadt habe erst Anfang der 60er Jahre eingesetzt, als der großflächige Abbau von Edelmetallen im Tagebergbau begann, berichtet Dejan Skoric, Jurist bei den Wasserwerken: „Majdanpek wurde ein multikultureller und stark urbanisierter Ort, an dem es sich ausgezeichnet leben ließ.“ Die Löhne, das Ausbildungsniveau und der Lebensstandard hätten „weit über dem Durchschnitt“ gelegen: „Wir hatten hier selbst ein olympisches Hallenbad, eine moderne Sporthalle für 2.500 Zuschauer und einen Skilift.“

Der Skilift ist längst außer Dienst – und das Hallenbad wegen des Mangels der Mittel meist geschlossen. Die Stadt sei zu jugoslawischen Zeiten noch „hungrig nach Arbeitskräften“ gewesen, berichtet Skoric. Doch von den einst 38 Schülern seiner früheren Mittelschulklasse lebten heute nur noch zehn in der Stadt. Was ihn am meisten schmerze, sei das Gefühl, „wie in einer Kolonie zu leben“: „Ob Gold, Kupfer oder Holz: Hier werden die Ressourcen nur noch herausgeholt. Nichts wird mehr verarbeitet.“

Träge trotten zwei wohlgenährte Straßenhunde durch die verlassene Fußgängerzone. Der Niedergang der Bergbauregion begann mit dem Zerfall Jugoslawiens und den UN-Sanktionen im Kriegsjahrzehnt der 90er Jahre. Nach der demokratischen Wende 2000 war es der tief in den Keller gepurzelte Weltmarktpreis für Kupfer, der das Bergwerk am Rand des Ruins taumeln ließ. „Die Leute begannen abzuwandern – entweder in die Großstädte, in die Regionen, aus denen sie gekommen waren oder gleich ins Ausland“, so Skoric.

Von 2010-2013 zog der Kupferpreis wieder an – und war der Stadt eine kurze Atempause vergönnt. Doch nun macht ihr das Verschwinden der Industrie immer stärker zu schaffen. Das von 5.000 auf 1.200 Mitarbeiter geschrumpfte Bergwerk könne weder alle Arbeitslosen noch Schulabgänger absorbieren, sagt Matejevic. Der durch die Fabrikschließungen ausgelöste Bevölkerungsschwund löse eine „Kettenreaktion“ aus: „Wenn ganze Familien wegziehen, verringert sich die Zahl der Läden, der Verkäuferinnen, der Kinder in den Kindergärten, der Ärzte und der Busverbindungen.“

Keine Investoren für Ostserbien

Die abgelegene Lage und schlecht unterhaltenen Zufahrtswege habe das einstige Eldorado zu „Serbiens Blinddarm“ gemacht, seufzt Matejevic. „Wir verfügen mit der Donau zwar über einen europäischen Korridor, aber über keine Autobahn“, sagt Skoric: „Doch 80 Prozent der Auslandsinvestoren in Serbien siedeln sich in einem Umkreis von 20 Kilometern zu einem Autobahnanschluss an.“

In den letzten Jahren sind die ausländischen Investitionen in Serbien zwar angezogen. Doch das strukturschwache Ostserbien lassen Investoren links liegen. Ostserbien habe in Belgrad keinerlei Lobby, sagt Matejevic: „Mich wundert, warum die Regierung trotz unserer Nähe zur Donau nicht mehr zur Ansiedlung neuer Unternehmen und für den Ausbau des Straßennetzes tut.“

Zumindest das Nachbarland ist nur wenige Kilometer entfernt. Mit dem Lockvogel einer Studienausbildung im Nachbarland versuche das nahe Rumänien, „aus allen Vlachen Rumänen zu machen – obwohl die eigentlich von uns abstammen“, ärgert sich der Vlache Janko Nikolic: „Vlachen, die sich als rumänisch erklären, können dort ihre Kinder gratis studieren lassen.“ Gleichzeitig versuche Serbiens regierende SNS „genauso wie alle anderen Regierungen zuvor“ mit einer „falschen“ Vlachen-Partei, die Minderheit „handzahm zu machen und unter Kontrolle zu halten“.

Vollmundig verheißt Staatschef Aleksandar Vucic vor der Parlamentswahl am Sonntag erneut goldene Zeiten und kräftig steigende Löhne. Bescheidener sind die Erwartungen in Serbiens vergessenen Eldorado. Er hoffe nur, dass diese oder eine künftige Regierung endlich begreife, dass auch Ostserbien ein Teil Serbiens sei, sagt Matejevic: „Nur von Landwirtschaft kann diese Region nicht leben.“