Die Beziehungen zwischen Australien und China sind über die vergangenen Wochen auf einen Tiefpunkt gerutscht. Inzwischen warnt China seine Bürger vor Reisen nach Down Under und rät von einem Studium an australischen Universitäten ab. Grund sei eine Zunahme rassistischer Übergriffe auf Chinesen, etwas, das die australische Regierung bestreitet. Nach diplomatischen Wortgefechten haben die Chinesen zudem hohe Tarife auf australische Gerste erhoben und untersagen den Import von Rindfleisch aus vier australischen Schlachthöfen.
Noch ist China Australiens wichtigster Handelspartner, doch Berichte über chinesische Hackerangriffe und Spionage in Australien sowie Chinas „heimliche“ Investitionen im Pazifik belasten das Verhältnis seit Jahren. Auch die Entscheidung Australiens, dem chinesischen Technologieunternehmen Huawei die Teilnahme an der Einführung der mobilen 5G-Infrastruktur wegen nationaler Sicherheitsbedenken zu verbieten, war ein wesentlicher Reibungspunkt.
Auslöser für die derzeitige „chinesische Verstimmung“ ist jedoch die Forderung der australischen Regierung nach einer unabhängigen Untersuchung des Ursprungs der Pandemie. Chinesische Staatsmedien bezeichneten Australien daraufhin als „Riesenkänguru, das sich als Wachhund der USA“ gebärde, sprich Australien „kläffe“ nur nach, was der große Bruder Amerika von ihm verlange.
Zu lange weggeschaut
Peter Jennings, der Direktor des Australian Strategic Policy Institute in Australiens Hauptstadt Canberra, schreibt in einem Kommentar, dass die australische Politik zu lange weggeschaut habe. Man habe „das schlechte Verhalten“ der Kommunistischen Partei Chinas – von Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Cyberspionage im industriellen Maßstab und Einschüchterung australisch-chinesischer Bürger – ignoriert, um die „wirtschaftliche Pipeline“ nach China nicht zu beschädigen. Jennings unterstützt die härtere Linie, die Canberra seit einigen Wochen zu fahren scheint.
China dagegen hat sich nach Meinung eines anderen Experten vorgenommen, ein Exempel an Australien zu statuieren, um andere Länder, insbesondere in Asien, davon zu überzeugen, Washingtons Führung nicht zu folgen. Laut Hugh White, einem Strategie-Experten an der australischen Nationaluniversität in Canberra, hat Peking beschlossen, den Australiern zu zeigen, „dass es nicht die Vorteile einer engen wirtschaftlichen Beziehung zu China genießen und gleichzeitig Amerikas neue harte Linie gegen China unterstützen kann“.
Auch zwischen Canberra und Washington brodelt es
Auch den alleinigen Beitritt des australischen Bundesstaates Victoria zu Chinas umstrittener „Belt and Road“-Initiative (BRI) – einer Art Seidenstraße des 21. Jahrhunderts – sieht White eher als einen chinesischen Schachzug, um Zwist innerhalb Australiens als auch mit dem Verbündeten USA zu säen. Letzteres fruchtete, nachdem US-Außenminister Mike Pompeo kurzzeitig sogar mit dem Abbruch der Beziehungen zwischen Washington und Canberra drohte.
White beobachtet die derzeitigen Entwicklungen mit Sorge. Er warnt sogar schon vor einem direkten militärischen Zusammenstoß zwischen Amerika und China, der die gesamte Region in einen Krieg, unter Umständen sogar einen Atomkrieg, verwickeln könnte. „Chinas Luft- und Seestreitkräfte haben sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verbessert und stellen nun eine sehr reale Bedrohung für die US-Marine- und Luftoperationen im westlichen Pazifik dar“, so die Meinung des australischen Experten. „Das heißt, es würde keinen schnellen US-Sieg in einem US-China-Krieg geben.“
Australiens Dilemma
Australien steht deswegen am Scheideweg: Oberste Priorität für die australische Regierung unter Scott Morrison müsse sein, die Abhängigkeit von China zu verringern, findet Jennings. Auch der Strategie-Experte White sieht keinen anderen Ausweg, als dass Australien seine wichtigsten internationalen Beziehungen grundlegend umgestaltet. „Und es wird infolgedessen ärmer oder weniger sicher sein oder beides“, sagt er.
„Vielen Menschen scheint es klar, dass wir uns einfach auf die Seite Amerikas stellen sollten, um unsere Sicherheit auf Kosten unserer wirtschaftlichen Möglichkeiten mit China zu gewährleisten“, sagt White. Es gebe jedoch keinen Grund anzunehmen, dass Amerika den Wettbewerb mit China um den strategischen Vorrang in Ostasien und im westlichen Pazifik gewinnen werde. „Tatsächlich denke ich, dass es am wahrscheinlichsten ist, dass die USA verlieren werden“, glaubt er. „In diesem Fall hätte Australien dann einen großen Fehler begangen.“
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