Als mögliche Nachfolger werden die spanische Finanzministerin Nadia Calviño, der Luxemburger Pierre Gramegna und der Ire Paschal Donohoe gehandelt. Allerdings würden es viele in Brüssel lieber sehen, wenn die Gruppe künftig nicht mehr in „Teilzeit“ von einem nationalen Politiker, sondern von einem hauptamtlichen Präsidenten geführt würde. „Diese Position verdient einen europäischen Vollzeit-Vorsitzenden“, erklärte der grüne Finanzexperte Sven Giegold. Die Eurozone brauche eine echte gemeinsame Finanz- und Wirtschaftspolitik, meint der Europaabgeordnete. Centenos Abtritt wäre eine gute Gelegenheit, diese oft angemahnte Reform einzuleiten.
Centeno war erst seit Dezember 2017 auf dem Posten, der im EU-Vertrag ebenso wenig vorgesehen ist wie die Eurogruppe selbst. Es handelt sich um ein informelles Gremium, in dem traditionell die Deutschen den Ton angeben. Der undogmatische Portugiese hatte es von Anfang an schwer, da er nicht auf einer Linie mit dem damaligen konservativen Bundesfinanzministerium in Berlin lag. Zuletzt hatten sich die Beziehungen zwar etwas entspannt. Denn Berlin hat seinen harten Sparkurs aufgegeben und ist auf eine antizyklische Fiskalpolitik eingeschwenkt, die plötzlich sogar die Aufnahme von EU-Schulden möglich machen soll. Doch zuvor hatte sich Centeno in monatelangen Verhandlungen über ein neues Eurobudget verschlissen, das am Ende mangels Masse komplett gestrichen wurde.
Auch der Streit über ein 540 Milliarden Euro schweres Rettungspaket gegen die Corona-Krise hat Spuren hinterlassen. Im Frühjahr standen die von der Krise besonders getroffenen Südländer Italien, Spanien und Frankreich gegen Deutschland, die Niederlande und andere Hardliner in der Eurogruppe. Der Konflikt um finanzielle Solidarität und „Corona-Bonds“ riss tiefe Gräben auf. Immerhin brachte Centeno eine schnelle Einigung zustande. Sie sieht unter anderem vor, dass der Euro-Rettungsfonds ESM erstmals Kredite ohne strikte Auflagen vergeben kann. Dafür hatte sich der unabhängige Ökonom, der den portugiesischen Sozialisten nahesteht, starkgemacht. Die Lorbeeren konnte er allerdings nicht mehr einfahren. Italien erklärte, dass es keine ESM-Kredite beantragen wolle.
Sein Nachfolger muss sich nun um den 750 Milliarden Euro schweren Wiederaufbaufonds kümmern, den die EU-Kommission vorgeschlagen hat. Damit beginne „ein neuer Zyklus für die Eurogruppe“, sagte Centeno. Das letzte Wort haben allerdings die Staats- und Regierungschefs der EU, die den Fonds noch absegnen müssen. Der Chef der Eurogruppe darf nur die mühsame Kleinarbeit machen – bei Krisensitzungen, die oft bis tief in die Nacht dauern.
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