Die Videoaufzeichnung von der feuchtfröhlichen Party ging am 17. Mai 2019 um die Welt. Sie zeigt, wie FPÖ-Chef Strache und sein Parteifreund Johann Gudenus mit der vermeintlichen Nichte eines russischen Oligarchen in einer Luxusvilla auf Ibiza das Fell des Bären aufteilen, den die Rechtspopulisten nach der Wahl im Oktober 2017 mit der Kür von ÖVP-Chef Sebastian Kurz zum Kanzler erlegen sollten. Da wird detailliert besprochen, wie die angebliche Milliardärin an Rechnungshof und Parteiengesetz vorbei Millionen in die Kassen FPÖ-naher Vereine pumpen und über Staatsaufträge für einen noch zu gründenden Baukonzern retour fließen lassen könnte. Auch ein Einstieg ins einflussreichste Medium des Landes, die Kronen Zeitung, wird der feschen Blondine schmackhaft gemacht. Und wenn die Russin dort das Sagen hätte, könnte die damals ohnehin nicht FPÖ-feindliche Krone hundertprozentig auf Linie gebracht werden. Einen ORF-Kanal könnte man ebenso privatisieren wie Teile der öffentlichen Wasserversorgung. Nach einem Wahlsieg der FPÖ könne man „über alles reden“, eröffnet Strache seiner Gastgeberin glänzende Korruptionsperspektiven.
Tatsächlich schaffte es die FPÖ an die Futtertröge der Macht und rückte damit die feuchtfröhlichen Ibiza-Träume in den Bereich der Realisierbarkeit. Doch mit der Realität hatte das siebenstündige Date nur insofern etwas zu tun, als Strache und Gudenus tief in ihre menschlichen Abgründe blicken ließen. Dumm nur, dass die vermeintliche Oligarchen-Nichte ein Lockvogel und die ganze Villa voller Kameras und Mikros war. Die Doku landet bei der Süddeutschen Zeitung und Strache in der politischen Gosse.
Politisches Erdbeben
Am Tag nach dem wohl aufregendsten Fernsehabend der österreichischen Nachkriegsgeschichte tritt der Vizekanzler und FPÖ-Chef von allen politischen Ämtern zurück, streut ein bisschen Asche auf sein Haupt, seinen Landsleuten aber auch gleich wieder Sand in die Augen. Strache entschuldigt sich für sein „typisch alkoholbedingtes“ Macho-Gehabe, will ansonsten aber nur Opfer sein: Er habe „niemals etwas Gesetzwidriges angeboten oder gemacht“, beteuert er und beklagt die „wirklich kriminellen Machenschaften gegen mich“. Illegal sei nur die Aufzeichnung der Dialoge gewesen.
Wie man inzwischen weiß, war Strache nicht Ziel einer vermuteten Verschwörung ausländischer Geheimdienste, sondern eines „zivilgesellschaftlich motivierten Projektes“ im Umfeld eines Wiener Anwaltes, der nach eigenen Angaben mit investigativ-journalistischen Mitteln Missstände aufdecken wollte.
Die Rechnung der FPÖ, sich mit der Opferung Straches an der Macht zu halten, geht nicht auf. Kanzler Kurz beendet die Koalition, scheitert aber mit dem Versuch, Chef einer Übergangsregierung zu bleiben: Die SPÖ tut sich mit der FPÖ zusammen und stürzt die Rumpfregierung – ein einmaliger Vorgang in der österreichischen Geschichte, der eine weitere Premiere zur Folge hat: Bundespräsident Alexander van der Bellen ernennt mit Brigitte Bierlein erstmals eine Frau zur Bundeskanzlerin. Die ehemalige Verfassungsgerichtshofpräsidentin wird für sieben Monate eine Expertenregierung führen und im Jänner an Sebastian Kurz übergeben, der nach dem ÖVP-Triumph bei der vorgezogenen Wahl im September nun eine Koalition mit den Grünen anführt.
Gepflegter Opfermythos
Von einer Wiederauferstehung wie der des 33-jährigen ÖVP-Messias träumt nun auch der Auslöser der Staatskrise. Obwohl Strache der Politik eigentlich für immer abgeschworen hatte, bereitet der 50-Jährige mit ein paar Getreuen, die für ihn Die Allianz für Österreich (DAÖ) gegründet haben, ein Comeback bei der Wiener Bürgermeisterwahl im Oktober vor. Eine „rot-weiß-rote Bürgerbewegung“ soll den Bock einmal mehr zum Gärtner machen. Strache will als „Hüter der Verfassung“ auftreten und aufpassen, „dass die momentan Mächtigen in diesem Land es nicht zu weit treiben“. Die Corona-Krise, die Ibizagate schon mit den Nebelschwaden des Vergessens umweht, will Strache natürlich auch für sich nutzen, indem er verhängte Restriktionen als zu hart und Hilfsmaßnahmen als zu gering brandmarkt.
Und auch der Opfermythos will gepflegt werden. Der Alkohol reicht nicht mehr als Entschuldigung für das Skandlöse. Strache ist jetzt felsenfest davon überzeugt, dass ihm auf Ibiza verbotene Drogen ins Getränk gemischt wurden. „Wenn du Ecstasy in Tropfen oder liquides Kokain beimischst, dann passt das genau zu dem Bild, das ich abgegeben habe.“ Die Hardcore-Fans werden das gern glauben. Sie klammern sich an jeden Strohhalm, der ihnen hilft, ihrem Idol als Opfer einer großen Verschwörung die Generalabsolution erteilen zu können. Die 31 Prozent, die Strache bei den Wiener Wahlen 2015 geholt hatte, sind jetzt nicht mehr drin. Bei fünf Prozent sehen die Demoskopen die DAÖ derzeit. Das reicht für ein Mandat im Wiener Landtag und ein paar Häppchen am Futtertrog der machtlosen Hinterbänkler. Mehr ist für die tragische Ibiza-Figur wohl nicht drin.
Zu Demaart
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