Samstag3. Januar 2026

Demaart Zu Demaart

Headlines

PolenKumpels trotz Lockdowns unter Tage – jetzt ist die größte Kohleregion der EU ein Hotspot

Polen / Kumpels trotz Lockdowns unter Tage – jetzt ist die größte Kohleregion der EU ein Hotspot
„Epidemiologisch sehr ernst“: Im zuständigen Ministerium hieß es noch Ende März, in den Kohlegruben sei es zu warm für das Virus  Foto: dpa/Tytus Zmijewski

Jetzt weiterlesen !

Für 0,99 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Oder schließen Sie ein Abo ab.

ZU DEN ABOS

Sie sind bereits Kunde?

Während in den meisten EU-Mitgliedsländern die Anzahl der Corona-Fälle zurückgeht, musste Polen am Dienstag einen neuen Tagesrekord melden. 595 Bürger hatten sich offiziell neu mit dem Coronavirus infiziert. 80 Prozent von ihnen stammen aus der Wojwodschaft Schlesien, der größten Kohleregion der EU. Schlesien droht damit zu Polens Lombardei zu werden.

Die Regierung in Warschau wurde nervös, sofort wurde Schatzminister Jacek Sasin in die Regionshauptststadt Katowice delegiert, um dort einen Krisenstab zu leiten. Bald schon machten Gerüchte die Runde, Schlesien werde von der Armee abgeriegelt, um die Ansteckung anderer Landesteile zu unterbinden. „Polen droht eine zweite Corona-Welle“, wurde alarmiert. „Alles ist unter Kontrolle, alle Behörden sind im Bilde, wir sind auf alles vorbereitet“, redet Sasin inzwischen die Lage schön.

Doch die Situation in Schlesien bleibt dramatisch. Schuld daran sind vor allem die Kohlegruben, die nach Ausbruch der Epidemie ihre Arbeit keineswegs eingestellt haben. Auch nachdem am 5. April in der staatlichen Grube „Marcel“ in Radlin unweit von Rybnik der erste Kumpel positiv auf den Coronavirus getestet wurde, arbeitete man einfach weiter wie bisher. Die Kumpels wurden in Dutzenden von Gruben der Region in engen Liften unter Tag gefahren, arbeiteten ohne Möglichkeit des Distanzhaltens und duschten am Ende des Tages verschwitzt zusammen. Noch Ende März hatte es schließlich im zuständigen Schatzministerium geheißen, in den Kohlegruben drohe keine Corona-Epidemie, denn dort sei es zu warm für das Virus.

Der Staat wollte offenbar weiter Kohle fördern, obwohl auf den Halden bereits 7,6 Millionen Tonnen lagerten. Und so kommt es, dass inzwischen jeder zweite schlesische Corona-Fall ein Kumpel oder Mitglied einer Grubenarbeiterfamilie ist. 4.355 Corona-Infizierte und 157 Corona-Tote wurden bis gestern Mittag alleine in Schlesien gezählt.

Statt euch um unsere Gesundheit zu kümmern, habt ihr es vorgezogen, euch mit den Wahlen zu befassen. Euer Spiel ist aus!

Aufruf zum Streik der Gewerkschaft „August ‚80“

„Epidemiologisch ist diese Lage sehr ernst“, sagt Gesundheitsminister Lukasz Szumowski, ein Kardiologe. Medizinisch dagegen stehe es mit den schlesischen Kumpels nicht so schlimm, da die meisten Covid-19 ohne Symptome durchmachen würden. Dennoch ist klar, dass alle Infizierten isoliert werden müssen, auch um zu verhindern, dass ihre Familien weiter angesteckt werden.

Die Gruben haben deswegen Isolationszelte direkt bei den Firmenausgängen aufbauen lassen. Auch sollen noch in dieser Woche 10.000 Bergarbeiter auf das Coronavirus getestet werden. Die vier veralteten Labore in Schlesien werden dabei von Dutzenden weiteren in anderen Landesteilen unterstützt. Die viel zu spät beorderten Streutests betreffen jeden sechsten Bergarbeiter, der unter Tag im Einsatz ist.

Frust über schlechtes Krisenmanagement

„Am Anfang war jeder fünfte Kumpel Corona-infiziert, nun ist es noch jeder zwanzigste, die Epidemie ist also doch nicht so gefährlich wie befürchtet wurde“, versuchte gestern Vize-Gesundheitsminister Janusz Cieszysnki im Polnischen Radio zu beruhigen, „Schlesien jedenfalls muss nicht isoliert werden“. Am Nachmittag erklärte Premierminister Mateusz Morawiecki, dass ab kommendem Montag auch in Schlesien, wie überall in Polen, Coiffeur-Salons, Bars und Restaurants wieder aufgehen. Fünf staatliche Gruben wurden in den letzten Tagen nach mehreren Hundert Corona-Fällen endlich geschlossen. Polen erzeugt über 80 Prozent der Elektrizität mit Steinkohle.

Doch in Schlesien sind die Wogen noch lange nicht verebbt. Immer mehr Einheimische fragen nach der politischen Verantwortung für das schlechte Krisenmanagement. „Wieso musste weiter Kohle gefördert werden, wenn die Kohlehalden schon seit Januar übervoll sind?“, fragt die linke Abgeordnete Gabriela Morawska-Stanecka in der Lokalzeitung Dziennik Zachodni. Und die Gewerkschaft „August ‘80“ drohte gestern mit Bergarbeiterstreiks: „Statt euch um unsere Gesundheit zu kümmern, habt ihr es vorgezogen, euch mit den Wahlen zu befassen. Euer Spiel ist aus! Wir kämpfen um jede Grube und jeden Arbeitsplatz!“, heißt es in dem Streikaufruf.