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SerbienIm Kampf gegen die Opposition schickt Belgrad Auftragszündler auf die Dächer

Serbien / Im Kampf gegen die Opposition schickt Belgrad Auftragszündler auf die Dächer
Immer mehr Serben sehen in ihrem Präsidenten Aleksandar Vucic einen Diktator Foto: AFP/Andrej Isakovic

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Die Topfschlag-Proteste gegen die Diktatur beginnen Serbiens regierende SNS zunehmend zu nerven. Im Kampf gegen die Opposition schickt Belgrad nun verstärkt Hilfstruppen aus den Fußballstadien mit Rauchfackeln auf die Dächer.

Schon seit einer Woche läutet ohrenbetäubendes Klappern in Serbiens Städten die Friedhofsstille der nächtlichen Ausgangssperre ein. Nach dem allabendlichen Applaus für Krankenpfleger und Ärzte erschallen um 20.05 Uhr von tausenden von Balkonen scheppernde Töpfe, wummernde Vuvuzelas, schrille Trillerpfeifen und aus Lautsprechern dröhnende Widerstandslieder.

„Mit Krach gegen die Diktatur“ nennt sich der von Bürgerrechtsaktivisten initiierte Topfschlag-Protest, der sich bereits auf über 30 Städte ausgebreitet hat. Mit der Renaissance der Kochlöffel machen die Balkon-Demonstranten ihren Unmut über den im Ausnahmezustand noch herrischer auftretenden Staatschef Aleksandar Vucic Luft. „Wir finden uns nicht damit ab, dass unsere Gesellschaft in die Diktatur abgleitet“, so Vjekoslav Vukovic von der Aktionsgruppe „Wir lassen Belgrad nicht ertränken“: „Das Topfschlagen nutzen wir als Mittel, weil wir über keine anderen verfügen.“

Er sei als „politischer Veteran“ an Topfschlag-Proteste gewöhnt, reagiert Landesvater Vucic scheinbar gelassen. Tatsächlich setzten schon die Gegner von Serbiens früheren Autokraten Slobodan Milosevic bei ihren Protesten gegen dessen Propaganda-Nachrichten in den 90er Jahren auf scheppernde Töpfe und Trillerpfeifen. Politchamäleon Vucic stand schon damals auf der anderen Seite: Von 1998 bis 2000 diente er Milosevic als Informationsminister.

Im Gegensatz zu ihrem Vormann machen dessen Mitstreiter der regierenden SNS aus ihrer Verärgerung über die lästigen Krachproteste keinen Hehl. „Wir sind ständig in der Defensive und das muss durchbrochen werden“, kündigte der SNS-Abgeordnete Vladimir Djukanovic vergangene Woche im Parlament entschlossen nicht näher erläuterte „Gegenproteste“ an.

Mit Rauch gegen den Krach: Schon am vergangenen Mittwoch war der SNS-Parlamentarier in einem in den sozialen Netzwerken kursierenden Film mit vermummten jungen Männern auf einem Hochhausdach beim Abbrennen vom Rauchfackeln zu sehen. Seitdem schickt Belgrad im Kampf gegen die Opposition verstärkt Hilfstruppen aus den Fußballstadien mit Rauchwerk auf die Dächer. Ob in Belgrad, Novi Sad oder Nis: In Rauch und Feuerschein skandieren allabendlich um 20.30 Uhr Dutzende von vermummten Hooligans mit Lautsprechern verstärkte Schmähungen gegen Oppositionspolitiker in die Dunkelheit.

Polizei sieht sich „nicht zuständig“

Doch nicht nur weil die oft mit Ausgangsgenehmigungen ausgestatteten Auftragszündler mitten in der Ausgangssperre völlig fremden Leuten auf die Dächer steigen, mehrt sich über deren rauchigen Einsätze der Unmut. In Nis fackelten die regierungsnahen Fackelträger beinahe einen Laden ab. Die von Anwohnern gegen die Hauseindringlinge zur Hilfe gerufene Polizei stellt sich oft spät oder gar nicht ein – oder erklärt sich kurzerhand für „nicht zuständig“.

Im Belgrader Stadtteil Karaburma haben verärgerte Hausbewohner die mit Coronamasken maskierten Fackelträger kurzerhand selbst vertrieben. Obwohl auch schon SNS-Funktionäre bei den generalstabsmäßig organisierten Pyroprotesten gesichtet wurden, dementiert die Partei jegliche Beteiligung. Doch ob die Rauchproteste nun von den Geheimdiensten oder der regierenden SNS inszeniert werden, ist den entnervten Leidtragenden zunehmend egal: In Nis haben mehrere Dutzend empörter Bürger am Wochenende erstmals für die sofortige Beendigung der Rauchfackelorgien demonstriert.